· 

Zu sensibel?

 

Dieser Beitrag wurde letztes Jahr auf dem Blog "Mamalismus" veröffentlicht.

 

 

Als ich die Augen aufschlage, habe ich ein komisches Gefühl. Ich kann nicht sagen warum, aber ich gehe mit einer unbehaglichen Art in den Tag. Um mich besser zu fühlen, ziehe ich meine neue Jeans an und eine Bluse.

 

In der Uni angekommen, reiße ich sofort das Fenster auf, weil ich von dem ersten Atemzug dieser stickigen Luft schon beinahe Kopfschmerzen kriege. Fünf Minuten nach dem Beginn des Seminars rümpfe ich meine Nase. Irgendetwas riecht chemisch oder verbrannt. Ich sehe nach draußen, doch erkenne nichts verdächtiges. Im Raum sehe ich die anderen an, doch auch da fällt mir nichts auf, bis mein Blick an meiner neuen Jeans hängen bleibt. Ich schnuppere noch einmal. Dann reibe ich meine Hand daran und führe sie unauffällig zur Nase. Es ist meine Hose. Diese Jeans mit den coolen Löchern und Auswaschungen. Sie stinkt! Ich werde nervös, weil ich Angst habe, dass es jemandem auffällt. Doch alle schauen unberührt nach vorn. Ich frage meine Sitznachbarin, ob sie es auch riecht. Sie runzelt nur die Stirn und guckt mich komisch an.

 

Nach dem Seminar gehe ich in die Bibliothek, um meine Aufgaben zu erledigen. Ich setze mich möglichst allein, damit niemand den Geruch meiner Hose bemerkt.Doch zehn Minuten später setzt sich ein Typ mit seinem MacBook neben mich. Ich sehe kurz auf und mache dann weiter. Doch dann fängt er an zu tippen. Er kann mit zehn Fingern schreiben und tippt sehr schnell. Ein Gefühl steigt aus meinem Inneren hinauf, das ich nicht definieren kann. Ich werde irgendwie wütend. Ich versuche mich zu beruhigen und wieder zu konzentrieren. Es geht nicht. Ich sehe den Typen streng an, doch er bemerkt es nicht. Die anderen um uns herum scheint es auch nicht zu interessieren. Dieses Tippen machen mich wahnsinnig! Es nervt! Ich packe meine Sachen und gehe.

Am Freitagnachmittag sieht die Welt schon anders aus, ich freue mich, nach Hause zu kommen und schließe unten die Tür auf. Als ich die Treppe hinaufgehe, ist es ungewöhnlich ruhig. Ich weiß nicht was es ist, aber ich würde es als negatives Knistern bezeichnen. Es ist so, als ob unsichtbare Wellen durch den Raum schlagen und irgendwas unterbrochen ist. Ich gehe in die Küche und frage meine Mama, ob alles in Ordnung ist. Sie guckt mich überrascht an. "Es gab eine kleine Diskussion". Aha, hatte ich es mir doch gedacht. Die Stimmung ist angespannt.

Am Abend treffe ich mich mit Freunden. Ich zeige ihnen ein Video von einem Comedian, den ich gut finde. Einer von ihnen sagt nach einer Minute: "Mh. Der macht mir irgendwie zu niveaulose Witze." Ich sehe perplex auf. Er zuckt nur mit den Schultern und bestellt sich etwas zu trinken. Niveaulos? Bin ich niveaulos? Was fand er an dem Video niveaulos? Ich bin etwas eingeschnappt, obwohl ich es mir nicht eingestehen möchte. Doch Spaß kann ich an dem Abend nicht mehr haben. Ich schreibe einer Freundin eine Nachricht und sie antwortet nur kurz und ohne Smiley, was mich noch mehr aufregt und aufwühlt.

Später liege ich im Bett und frage mich, warum ich nicht einfach vorhin gesagt habe: Es muss dir ja nicht gefallen. Warum bin ich gleich so eingeschnappt? Bin ich zu sensibel?

 

Nein, ich bin nicht zu sensibel. Ich bin einfach (hoch)sensibel, jedenfalls ist das stark anzunehmen. Vor einem Jahr noch habe ich mir oft die Frage gestellt, warum ich so bin. Warum ich mich anders verhalte als andere in bestimmten Situationen und abends ewig wachliege und nachdenke, warum jemand etwas zu mir gesagt hat in einer bestimmten Art und Weise, während derjenige sich schon lange nicht mehr daran erinnern kann. Ich hasse Konfliktsituationen. Wenn jemand mit mir diskutiert und sehr dominant ist, erschreckt mich das. Ich möchte dann einfach nur weg, weg, weg. Ich möchte nicht, dass sich jemand in meiner Familie streitet. Ich versuche zu schlichten, wenn es geht und wenn es nicht funktioniert, bin ich noch frustrierter. Dann laufe ich wieder schnell weg und gehe eine riesige Runde mit meinem Hund, um möglichst lange dieser Situation fern zu bleiben. Nach einer Prüfung, die eher semi-optimal lief, schaut mich der Lehrer enttäuscht an. Die Punkte sind mir egal, doch dieses Gesicht. Es brennt sich in mein Gedächtnis und ich muss dauernd darüber nachdenken.

Vor einiger Zeit dachte ich noch, dass ich allein bin mit dieser Art. Dass ich es niemandem sagen kann, wie komisch ich mich manchmal verhalte. Doch dann wurde ich auf einen Test aufmerksam gemacht. Ein Test zur Hochsensibilität. Dieser bestätigte zu fast 90%, dass ich es bin. Ich kaufte mir ein Buch, in dem genau dieses Phänomen beschrieben wird. Beim Lesen fiel ich fast vom Glauben ab, als die zahlreichen Situationen, die ich selbst schon erlebt hatte, auftauchten. Das liegt daran, dass fast 20% aller Menschen hochsensibel sind. Und nicht nur Menschen, auch bei 15% der Tiere kann das festgestellt werden.

Und ich schreibe das hier für diesen Teil der Menschen, der sich auch in bestimmten Verhaltensmustern wieder erkennt, weil ich weiß, wie schwer es ist, allein damit zu sein. Wie es ist, von Eltern, Geschwistern und Lehrern oder Freunden zu hören: Sei nicht so sensibel! Warum reagierst du denn gleich so sensibel!

Genau dann fangen nämlich Zweifel an. Wenn man nicht so rational ist, sondern verträumter. Wenn man emotionaler ist und bei den kleinsten Dingen anfängt zu weinen. Wenn man einfach nur wegrennen will, wenn es in der Klasse bei der Gruppenarbeit so laut war. Wenn man Scherze wörtlich nimmt.

Doch es ist nicht alles nur negativ. Als sensibler Mensch ist man in der Lage, tiefgründig zu denken, Texte, Menschen und Verhalten zu interpretieren und zu analysieren. Man hat einen starken Gerechtigkeitssinn und setzt sich für Menschen ein - generell möchte man Menschen helfen und für sie da sein.

Ich kenne die Situationen, in denen einem alles zu viel wird so gut. Man wünschte sich, das Nachdenken über das Denken abschalten zu können. Doch man kann damit umgehen, wenn man sich seiner speziellen Art bewusst ist und wenn man sich auch einfach anderen Menschen öffnet und ihnen sagt: Ja, ich bin sensibel. So bin ich nun mal!

 

(Hoch)Sensibilität wird erst seit 1993 erforscht, von daher stehen die Untersuchungen noch in den Kinderschuhen. Doch es gibt Bücher und Berichte, die wirklich lesenswert sind und durch die man sich selbst besser kennenlernt. Ich möchte alle, die sich in irgendeiner Weise angesprochen fühlen, ermutigen, nicht an sich selbst, an ihrem Selbst zu verzweifeln. Denn jeder Mensch, ob sensibel oder weniger sensibel, ist gut so wie er ist und gemeinsam können wir uns so wunderbar ergänzen!

 

Buchempfehlung: Georg Parlow, "zart besaitet"