Der Weg zur Haustür

Dieser Text wurde letztes Jahr auf dem Blog "Mamalismus" veröffentlicht und ist das Ergebnis meiner Gedankengänge zu beunruhigenden Vorkommnissen letztes Jahr - sowohl im eigenen Umfeld, als auch durch die Medien berichtet.

Ich laufe jeden Tag durch Leipzig, ich laufe durch strömenden Regen, durch strahlende Sonne, durch schiere Hitze. Ich höre Lachen, ich sehe Tränen, ich spüre Freundschaft und Liebe. Wir trinken Kaffee, wir schwatzen, wir erzählen über Männer. Und ich weiß, dass eine Zeit bevorsteht, die all das verstärkt mit sich bringt. Es wird Sommer und die Zeit wird genutzt. Katholikentag, Sommerfest, Stadtfest, Campusfest. Und bald fängt die EM an. Ich denke an schöne Kleider, an Pubs, an Bier, lautes Gelächter und sich küssende Paare, grölende Jungs. An Public-Viewing.

 

Doch seit Tagen gehen mir Dinge durch den Kopf, wenn ich daran denke, wie es ist, wenn mich Freunde einladen und wir gemeinsam in die Stadt gehen wollen. Dann schlägt mein Herz nicht nur wegen der Freude höher, die ich wegen all der schönen Dinge empfinde. Sondern ich denke auch an den Nachhauseweg.

Ich denke mir innerlich schon Entschuldigungen aus, die ich dann schnell parat habe. Denn was ich an diesen Abenden auch empfinden werde, ist Angst.

 

Und mit der Angst kommen Fragen in mir auf, wie das sein kann.

Wie kann es sein, dass mein Fahrrad aus einem abgeschlossenen Keller verschwindet.

Wie kann es sein, dass man bei Studenten im dritten Stock einbricht.

Wie kann es sein, dass man eine Woche später die Reifen von Fahrrädern im Haus einsticht oder die Lampen klaut.

Wie kann es sein, dass Prostituierte über Jahre hinweg verschwinden, um dann in einem Keller des netten Nachbarn als verstümmelte Leiche aufzutauchen.

Wie kann es sein, dass Frauen beim Joggen entführt werden und zu Tode auf perverseste Weise vergewaltigt werden? Warum werde ich mit meinen Freundinnen am helllichten Tag von einem Betrunkenen angespuckt und beleidigt, einfach weil wir vorbeigelaufen sind? Ich frage mich, wann ist das passiert?

 

Als ich klein war, fühlte ich mich sicher. Ich sah im Fernsehen Nachrichten und bei KIKA wurde erklärt, dass es in anderen Ländern Gewalt gibt und Menschen Angst haben. Ja, hier gibt es keinen Krieg. Aber es gibt Gewalt. Und auch wenn wir tagsüber nicht daran denken, aber in einigen Momenten haben wir blanke Angst. Nach einem ausgelassenen Abend geht keine ins Bett, bevor nicht alle Freundinnen geschrieben haben, dass sie gut in ihrer Wohnung angekommen sind. Obwohl der Weg zur Haustür nur 300 m lang ist, rufe ich nach 20:00 Uhr jemanden an. Obwohl ich so sehr möchte, gehe ich nicht zur Party, weil ich vor dem Moment Angst habe, im Innenhof das Fahrrad abzustellen und an der Tür den Hausschlüssel zu suchen. Ich bin 20 Jahre alt und bin froh, wenn mich jemand nachts um zwei abholt, damit ich nicht allein nach Hause laufen muss. Ich fühle mich ohne Pfefferspray unsicher. Ich bin unheimlich dankbar, wenn unsere liebe Freundin einen riesigen Umweg fährt und uns absetzt und sogar wartet, bis die Tür hinter uns ins Schloss fällt. Ich frage mich wieder: Wann ist das passiert?

 

Wir leben in den Tag hinein, die Politiker diskutieren über zu viele Schlaglöcher in den Straßen und ich frage mich, ob sie Töchter haben, die sich nachts fürchten. Ich frage mich immer wieder, was kann man tun? Wir sind so jung, wieso können wir nicht mit ruhigem Gewissen ausgehen? Es kann doch nicht gut sein, wenn ich die Vorlesungen im Wintersemester meide, die bis um sieben gehen. Ich sehe Spaß und Freude und genieße die schönen Momente, aber ich sehe auch, dass ich mittlerweile auf so viele neue Erfahrungen verzichte, weil ich Angst habe. Und diese Angst kommt nicht durch "Ausländer", die viele ja dafür als Erklärung benutzen und die an allem Schuld sind. Diese Angst gibt es schon seit Jahren. Und es sind auch die Männer aus diesem Land mit kahl geschorenen Köpfen und Bomberjacken, die nachts im Park sitzen, Bier trinken, so laut brüllen, dass ich mein Fenster schließen und Ohropax holen muss. Solche, die Drogen verticken. Letztens hat mir erst eine Freundin schockiert erzählt, wie sie so einen Deal beobachtet hat - in aller Öffentlichkeit. Gewalt geschieht tagsüber auf der Eisenbahnstraße, wenn vermummte Polizisten des SEK vor dem ALDI hochgefährlichen Banden Handschellen anlegen, weil Waffen im Spiel sind. Ich beobachte die Szene schockiert an der Haltestelle, unfähig mich zu bewegen, während um mich herum alles normal weiterläuft, während andere nur mit den Schultern zucken. "Das ist hier doch jeden Tag so!", sagen sie. Muss man es etwa einfach hinnehmen? Muss Gewalt, müssen Verbrechen mittlerweile Normalität sein?

 

Es ist auch der unscheinbare Manfred, der intelligent ist und in der Gemeinschaft integriert, und dann heimlich Körper zerstückelt. "Jetzt haben wir auch einen Serienmörder in Deutschland. Das gab es sonst nur in Amerika!" Wird dazu bei Markus Lanz gesagt. Sollen wir etwa noch Hurra rufen? Weil so richtig was los ist?

Ich sehe, dass Menschen zu Tieren werden können. Aggressiv, barbarisch, pervers. Ich möchte schreien "Nein, stopp!" Doch die Welt dreht sich weiter, Menschen nehmen es hin, zucken wieder mit den Schultern und denken sich, dass man es nicht ändern kann. Kann man nichts ändern?

Meine Angst wird nicht besser, sie tritt immer öfter zu Tage. Dann frage ich mich manchmal, ob ich später meine Kinder ausgehen lassen kann. Ich beantworte meine Frage mit Ja, weil ich mir zugestehe, dass sie das erleben sollen, was ich erlebt habe. Und ich füge in Gedanken hinzu, dass ich nachts aufstehen, in das Auto steigen und sie abholen werde.

Was ist das für eine Welt, die bei Sonne strahlt und in der Finsternis eine dunkle Maske trägt, vor der wir weglaufen?

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