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Gefesselte Gefühle

Der sichere Gang zum Keller, aber schon seit einem Jahr mit Ungewissheit. Ist es da? Aufschließen, hineingehen. Suchen. Umdrehen. Kurz die Augen schließen. Wieder umsehen, Dinge anfassen, um es zu realisieren. Dann - Gefühl der Leere. Augenblick des Stillstands. Gefühlsleer, sprachlos.

 

Schwere Schritte die Treppe hinauf. Öffnen der Tür. Makellos aufgeräumt. Als wäre nichts gewesen. Doch die Fläche auf den Kommoden. Ordentlich, sortiert. Ungewohntes Un-Chaos. Das schwarze Kästchen mit rotem Samt. Innehalten. Anfassen, aufmachen. Rausziehen. Blicken ins Nichts. Alles weg.

 

Mittlerweile alltäglich. Früher aufstehen, versuchen hochzufahren. Störung. Aus. An. Wiederherstellung. Akku raus. An. Wieder Unwissenheit, ob es funktioniert. Nach einer Stunde - nichts. Die Zeit rennt. Füße und schnellerer Gang. Ohne Arbeitsblatt, ohne Vorbereitung. Ärger, Wut. Aber nichts ändern können.

 

 

Das sind Momente, die ich in dem letzten halben Jahr so oft hatte und die mich unangenehm beeinflusst haben. Es sind Situationen, in denen ein Gefühl entsteht, das ich nicht beschreiben kann. Weil man das Drumherum dann einfach nicht im Griff hat, weil es so seltsam ist von etwas anderem beherrscht zu werden, keine Kontrolle zu haben. Es sind Tage, an denen man in den Keller geht und das Fahrrad sucht. Es nicht findet. Zum zweiten Mal gestohlen. Es sind Tage, an denen man nach einem Einbruch in das alte Kinderzimmer geht, das man verwüstet auf Bildern gesehen hat. Und dann sieht man den Schein, wie ordentlich alles ist. Keine Spur. Doch wenn man genauer hinsieht, in den Kern, in das Schmuckkästchen mit Erinnerungen, Erbstücken, Lieblingsteilen - alles ist weg. Dann schluckt man. Dann zieht es in der Brust. Der Atem ist kurz weg. Hinter den Augen staut es sich. Aber schlichtweg ist man unfähig, etwas zu tun, zu sagen, zu weinen...

 

Es sind Tage, an denen man etwas braucht und darauf hofft, dass der immer wieder abstürzende PC nochmal mitspielt und nochmal, nochmal, nochmal... und dann eben nichts macht. Man da sitzt, auf den Drucker schaut und wünscht, dass es einfach aus ihm herauskäme. Doch ohnmächtig sitzt man am Tisch und muss beschließen, dass man einfach jetzt losmuss, um wenigstens noch pünktlich zu sein. Ohne irgendetwas in der Hand. Ärger, Wut, Angewiesenheit? Oder auch: Ich kann nichts tun.

 

 

Für mich sind es Momente, die sich zu furchtbaren Tagen entwickeln. Es sind Momente, die mich sprachlos machen. Nachdem der Kopf gearbeitet hat, wieder funktioniert, wieder so langsam die Kontrolle gewinnt - da rollt vielleicht eine Träne. Da platzt vielleicht ein Schrei heraus. Dann ruft man jemanden an und klagt sein Leid. Dennoch weiß man, dass man es nicht ändern kann. Als meine Fahrräder weg waren, als 90% meines gesamten Schmucks gestohlen wurde, als mein Laptop mich im Stich ließ: da war ich regungslos. Fassungslos. Wenn ich an diese Situation zurückdenke, wie ich das Schmuckkästchen öffne, die Schublade herausziehe - nur um wirklich sicher zu gehen - und dann nichts mehr da ist. Nichts in der Hand. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Nach der Stille, nach dem leeren Moment, da folgen Emotionen. Vor Verständnislosigkeit stampfe ich wütend auf, frage mich, warum diese Menschen mir das letzte Stück Erinnerung an meine Uroma nehmen. Ich habe euch doch nichts getan! Es folgt Tatendrang. Alle Details aufschreiben, der Polizei geben, hoffen. Um irgendwann, ein paar Tage, ein paar Wochen später festzustellen, dass mich fremde Menschen so geprägt haben. Dass sie mir ein Ding, einen Ring nehmen und somit meine Emotionen kontrollieren. Sie haben mich in der Hand und ich kenne sie nicht einmal. Ihnen ist gewiss nicht bewusst, was sie tun. Sie haben die Macht zu stehlen, mir etwas Liebes zu nehmen und sie haben die Macht, mich zu beherrschen. Mich für einen Tag lahmzulegen. Genauso wie mich Technik - lebloses Material - in der Hand hat. Ein Laptop, der einfach tot ist. Sich nicht regt. Ein Ding, das mich wie diese fremden Menschen in der Hand hat und in mir Emotionen auslöst.

 

 

 

An diesen Tagen, da knockt es mich aus. Da kann ich mich  nicht beherrschen. Frustriert, genervt, wütend stapfe ich los, versuche doch noch alles andere zu erledigen und kann mir nicht eingestehen, dass mich aber an diesem Tag externe Dinge und Menschen, meine Gefühle und Emotionen vereinnahmen und lähmen. Was soll man tun? Gibt es dafür eine Lösung? Ich frage mich, ob ich, ob wir uns erlauben können, uns einfach im Bett zu verkriechen. Ob wir dann einfach mal die ganze Welt verfluchen und endlos wütend sein können. Denn ich habe es probiert. Habe mir gesagt, dass ich es nicht ändern kann. Dass ich weitermache, mich ablenke, neue Dinge schaffe und Aufgaben erledige. Ich habe mir eingeredet, dass mein Fahrrad, das ich jahrelang durch Schafmist an der Nordsee gefahren habe und das durch die Salzluft Roststellen hatte, über irgendwelche polnischen Händler in die Hände einer netten Studentin gelangt. Aber nein. Es wird auseinander geschraubt und in kleinsten Teilen an irgendwelche weiteren Händler verkauft werden. Die vielleicht ahnen, dass es keine saubere Ware ist aber nichts sagen und sich über ein gutes Geschäft freuen. Und auch der Schmuck wird nicht wiederkommen. Der goldene Ring und mein Geburtskettchen werden eingeschmolzen und zu Geld gemacht. Und auch der Laptop wird garantiert kein Word-Dokument mehr ausspucken sondern ausgetauscht werden. Es sind bittere Fakten, die ich nicht wahrhaben will. Damit es nicht so schwer ist. Aber vielleicht wird es einfacher, wenn man die Schwere zulässt. Wenn man klagt.

 

Heute war so ein Tag. Alles sollte euphorisch werden, es sollte ein Neustarts-Montag sein mit neuen Zielen. Doch dann funktioniert von Anfang an gar nichts. Wie gelähmt gehe ich einkaufen, fahre zur Mensa, rede und höre fast automatisch, stehe im Dm und lasse mich umrempeln. Um dann zu allem Überfluss am Abend einen Menschen zu sehen, der deine Gefühle in der Hand hat. Du aber dachtest, aus der Ferne, dass du das schon unter Kontrolle hast. Doch dieser Mensch sieht dich an und lässt alles in dir stehenbleiben. Eiskalt. Ein Blick, der mich aussetzt. Ohne Sinn und Verstand drehe ich mich weg, um irgendetwas zu tun. Die Träne im Augenwinkel wegzwinkern, weglächeln und weitergehen. Laufen. Doch der Kopf rattert weiter und lässt dich nicht allein. Nicht im Dm, nicht in der Bahn. Lass es zu. Jetzt sitze ich hier und schreibe es auf, während ich mich für die Kurse morgen vorbereiten könnte - doch ich lasse es zu. Nein, ich weine nicht. Aber ich klage, dass es heute nicht so lief, wie geplant. Ich weiß, dass das auch morgen und übermorgen noch nachwirken wird. Dass es nachbeben wird in meiner Brust, in meinem Bauch, in meinem Kopf. Dass es bleibt. Es sind seltsame Momente, die wir erleben, die uns einnehmen und Gefühle auslösen, Emotionen fesseln. Momente, die sich eine Nische im Kopf bauen und uns immer mal wieder sagen, dass nicht alles heil ist und auch niemals alles heil sein wird. Doch die uns lebendig machen. Uns antreiben, auch wieder schönes fühlen zu wollen. Morgen, da geht es weiter. Morgen, da ist ein neuer Tag.

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