Nordseewind

Ich sitze mit nassen Haaren vor dem Ofen, in Jogginghose und T-Shirt. Ein Glas Wein in der Hand. Ich spüre die Wärme in meinem Gesicht. Ziehe den Geruch in meine Nase auf. Der Fisch im Ofen riecht knoblauchig, der Flur riecht etwas rußig und rauchig. Wenn "warm" einen Geruch hätte, so würde dieser Flur, in dem ich gerade sitze, nach "warm" riechen. Dieses Gefühl, wenn man von der heizungswarmen Stube in den ofenwarmen Flur geht, ist unbeschreiblich. Es ist wohlig. Es fühlt sich wie zu Hause an.

 

Ich sitze in einem Haus, das nie mein Hauptwohnsitz war. Ich sitze in einem Haus, mit dem ich nicht Jahre, sondern Momente verbinde. Eines, das ich nicht an Jahren messe, weil alles Schöne eins ist. Ich kann nicht sagen, in welchem Jahr ich nach einem durchnässten Ritt auf dem Ponyhof hier saß und mich wärmte, weil ich durchgefroren war. Ich weiß nicht, in wie vielen Jahren ich vom Lämmer füttern hier hinein kam, um mich wohlig zu schütteln und mir sagen zu lassen, dass ich nach Stall stinke. Wann saßen wir mit einem Glas Wein im Flur und stießen auf den Führerschein an. Ich weiß, dass ich im letzten Dezember mit meiner schlafenden Nichte im Arm hier im Stuhl saß und sie beäugte, wie schön sie schlief. Wie rosig ihre Wangen von der Wärme waren. Es sind kleine Momente, die diesen Ort, dieses Haus an der Nordseeküste ausmachen.

Das Watt an genau diesem Ort spüren, den Geruch des Meeres riechen. Wellen an den Deich platschen hören. Die Kapuze über den Kopf ziehen, überlegen, woher der angespülte Stock stammt. Ein Fischbrötchen essen. Möwen krähen hören. Wind im Gesicht. Laufende Nase. Rote Wangen. Mit nackten Füßen im Watt laufen, in den Schlick fassen und die Nägel zwei Tage lang nicht sauber kriegen. Alwin zehn Mal das Stöckchen ins Meer werfen und dann im Auto den Geruch von nassem Hund ertragen.

All das sind Momente, die mit Ferien in diesem Haus verbunden sind. Hier wurden Träume von diesen Momenten geträumt. Darüber erzählt. Es waren Momente, die für Aufenthalte hier charakteristisch waren. Die sie auszeichneten. Unser Haus nahm uns auf. Aus der Kälte ins Warme, aus der unerträglichen Hitze in die Kälte.

Es hat sich mit uns gewandelt, ist mit uns gewachsen. Hat sich unseren Ideen und Wünschen angepasst. Ich würde sogar sagen, dass es eine Seele hat. Ich hege tatsächlich Gefühle zu diesem Haus, empfinde eine Beziehung dazu. Meine Kindheit, meine Jugend, mein Erwachsenwerden, mein Lernen - all das geschah hauptsächlich hier. Hier habe ich richtig Fahrradfahren gelernt, weil es zu Hause an der Hauptstraße zu gefährlich war. Hier habe ich richtig schwimmen gelernt, weil man sich im Meer mit den Wellen viel mehr anstrengen muss. Hier habe ich Traktor fahren gelernt. Hier habe ich sogar Auto fahren gelernt und meinen Führerschein gemacht. Hier habe ich Reiten gelernt. Hier bin ich Rasenmäher gefahren. Hier habe ich Volleyball gespielt. Hier lebt die Freundin, mit der ich am längsten befreundet bin. Es sind Orte, die hier dran hängen. Büsum. St. Peter-Ording. Husum. Hamburg. Tönning. Wesselburen. Heide.

Es sind Strände, deren Geruch ich kenne. Museen und Sehenswürdigkeiten, die für mich normal sind. Läden, die dort schon immer waren. Klamotten, die man immer wieder dort kauft. Orte, mit denen man etwas bestimmtes verbindet. Restaurants, in denen man immer wieder isst; Supermärkte, in denen man immer wieder einkauft. Es sind Gewohnheiten, die es so unfassbar schön machen. Dass man nicht nachdenken braucht, nicht recherchieren muss, wohin man geht, was man einkauft, was man unternimmt, wo man sich sonnt. Hier kann ich nackig ums Haus laufen und es interessiert niemanden. Sogar die Art der Dithmarscher ist für uns normal. Wir kennen ihre Eigenheiten, ihre Gewohnheiten. Hier läuft die Zeit langsamer, hier geschieht alles ruhiger. Hier ist es weniger dramatisch. Man weiß, dass ein Moin Moin immer geht. Dass Oli Geissen in Ruhe um die Häuser joggen will. Man kennt den Humor, lacht an den richtigen Stellen. Trinkt Korn-Cola und schnackt. Oder schweigt auch einfach mal. Sitzt mit einem Flensburger in der Hand nebeneinander und sieht den Fasan durch den Garten huschen.

Man weiß, dass hier die Keller unter Wasser stehen und es nicht schlimm ist. Man könnte sich vielleicht aufregen, ärgern, schimpfen. Oder akzeptieren, dass die Dithmarscher einfach gelassener und plumper sind. Dass wir pünktlicher, genauer, gehetzter sind. Und dass wir uns gut ergänzen. Uns helfen können.

Während andere Kinder in meinem Alter in die Türkei oder nach Ägypten flogen, störte es mich nie, an der Nordsee zu sein. Ich ärgerte mich, wenn andere "Ostseekinder" waren und schimpften, weil an der Nordsee "nie" Wasser ist. Ich wollte und ich will nie woanders hin.

 

Die Nordsee bebt in meinem Herzen und schlägt Wellen.

Mein Herz schlägt seit Jahren nicht mehr nur im Takt,

sondern auch mit Ebbe und Flut, mit Schlick und Sand.

 

Die Klönschnack-Tür steht offen für neue Erinnerungen, Erfahrungen und Momente. Für ganze Lebensabschnitte. In diesem Haus wurden und werden ganze Geschichten von Familien gelebt - in guten wie in schlechten Zeiten. Dieses Haus hat ein Herz, es wird weiter leben und sich weiter verändern. Es wird weiter lieben und geliebt werden. Und jedes Mal, wenn ich gehe und die Tür hinter mir zuziehe, weiß ich, dass ich wiederkomme. An diesen Ort, an dem meine Seele gewachsen und gereift ist. An einen Ort, der mich geprägt hat und in den ich mich verliebt habe, der ein Teil von mir ist. Und wenn ich das nächste Mal in die Auffahrt fahre, weiß ich schon, bevor ich die Tür öffne, wie sich der Nordseewind im Gesicht anfühlt, wie ich Gänsehaut kriege, und wie das Salz riecht. Und dann kann ich gar nicht anders als lächeln, weil ich mich wie zu Hause fühle.

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