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Alwin, erzähl doch mal! #UnserDrama

Ihr müsst wissen, ich bin ein ziemlich starker Kerl. Mein Herrchen ist sehr sportlich und deswegen muss auch ich oft mal herhalten und mit joggen gehen. Das heißt, meine Kondition ist super! Auch beim Frisbee-Werfen halte ich wirklich lange durch. Kein Tag vergeht, ohne dass wir das Apportieren üben.

 

Letztes Jahr im Januar, am sechsten, um genau zu sein, da machten wir uns wieder auf den Weg, um zu laufen und mit der Frisbee zu spielen. Herrchen und Frauchen hatten frei, da Heilige Drei Könige war. Ich hatte mich schon so gefreut, denn an freien Tagen drehen wir eine extra lange Runde. Also zogen wir los, ich erleichterte mich großzügig und wir traten auch so langsam den Rückweg an. Es dämmerte gerade so (… ich bin ein Frühaufsteher. Finden nicht alle so toll, hihi.). Herrchen warf immer mal die Scheibe und da Schnee lag, tobte ich mich umso mehr aus. Schließlich kann man darauf so gut schlittern. Doch dann passierte es.

 Die Scheibe flog sehr weit, etwas den Abhang hinunter und ich war wohl etwas zu euphorisch und spurtete mit aller Kraft los. Herrlich, den leichten Abhang hinunter, die Scheibe blitzte neon-gelb auf dem Schnee und ich fühlte mich, als würde ich auf sie zufliegen. Allerdings berechnete ich den Bremsweg  falsch. Als die Scheibe in Sicht war, bremste ich, schlitterte noch weiter und dann waren da plötzlich ein umgefallener Baum und ein großer Ast. Auf diesen Ast raste ich zu. Bis ich nur noch einen so höllischen Schmerz in meiner Brust spürte, der mich einen grellen, zerreißenden Schrei ausstießen ließ, sodass scheinbar der ganze Wald bebte. Ich spürte dieses schwere Ding in mir und wollte einfach nur weg davon und es loshaben. Da zog ich mich weg von dem Ast, was sich später als schlechte Entscheidung herausstellte. Schon schwappte sehr viel Blut aus einer großen Wunde. Zugleich war Herrchen bei mir, fluchte und war fassungslos und schnappte mich mit meinen 35 kg und trug mich hinauf, dann ganz schnell weiter. Es tat so weh. Er versuchte immerzu auf das große klaffende Loch zu drücken, aus dem beständig viel Blut herauskam, in der Hoffnung, dass es einfach aufhört. Er keuchte und schwitzte und ich war trotz meines benebelten Zustandes überrascht, wie er durchhielt. Erst als wir wieder in einem Wohngebiet waren, hielt er kurz inne, um an den Häusern zu klingeln, aber es machte einfach niemand auf. Das Handy hatte er natürlich nicht dabei. Er lief weiter und weiter mit mir auf dem Arm und ich sah schon alle Bäche davonfließen, als ich merkte, wie ihn die Kraft verließ. Doch da kam uns endlich jemand entgegen, sah uns entsetzt an und gab uns ein Handy, mit dem wir zu Hause anrufen konnten. Mein Frauchen hörte sofort und kam mit dem Auto herbeigeeilt, noch halb in Schlafsachen, und wir fuhren 15 Minuten weiter zum Tierarzt, der in der Zwischenzeit auch schon aus dem Bett geklingelt worden war. Mein Herrchen hielt mich während der ganzen Fahrt fest, mein Atmen fiel immer schwerer, ich selbst hörte es nur noch rasseln. Ich merkte, dass ich atmete und einfach nichts ankam. Mein Herz pumpte und pumpte. Im ganzen Auto dieser eiserne Geruch von Blut. Als wir beim Tierarzt ankamen, sah ich schon in seinen Augen, dass es wohl nicht gut um mich stand. Mein Herrchen flehte um Hilfe. Ich hatte Angst und sah, wie wieder ein großer Schwapp Blut auf die weißen Fliesen floss. Wo kam das nur alles her? Mir wurde ein starkes Schmerzmittel gespritzt – ich fühlte mich total high (…das hätte mir mal jemand zu einem anderen Zeitpunkt anbieten sollen, dann wäre es vielleicht sogar lustig gewesen!). Ein Verband wurde mir umgelegt, der mich halbwegs zusammenschnürte. Der Arzt telefonierte aufgeregt. Wir fuhren wieder weiter. Sehr lange. Eine halbe Stunde bestimmt. Ich spürte eine ganz komische Anspannung im Auto, bitten, flehen, fluchen. Ich dachte nur: hey, Leute, es ist okay. Ihr habt alles getan, ihr seid die besten Menschen der Welt. Macht euch keine Sorgen um mich.

 

Wir kamen an einer Tierklinik an. Es wurde ein Edelstahltisch zum Auto geschoben, Schwestern und Ärzte holten mich, so wie ich es sonst immer nur in Menschenfilmen gesehen hatte. Mir wurde wieder dieses starke Zeug eingeflöst, eine Kanüle gesetzt und dann kam ich in ein Hightech-Teil, das mich abscannte. Ich fragte mich, was sie noch wollten. Wie sollen sie denn bitte dieses riesen Loch flicken? Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gebracht, bekam ich wieder eine Spritze und merkte, dass ich fast weg war. Wollte sich denn niemand verabschieden? Ich hörte jemanden weinen. Wer war das, irgendwie kam mir das bekannt vor aber irgendwie auch nicht?

Ich schlug die Augen auf. Das war nicht meine Decke. Das war nicht mein Wassernapf. Warum ist mein Fell geschoren? Und warum trage ich eine Weste? WO IST MEIN HERRCHEN??

 

Plötzlich kamen Frauen und guckten mich ganz intensiv an, als suchten sie irgendetwas, sie redeten mit mir, tätschelten mir den Kopf. Sie riefen jemanden an. „Ja, er muss die Nacht durchhalten. Ja. Drücken wir die Daumen.“

 

Meine Augen fielen wieder zu.

 

Als ich wieder wach wurde, fühlte ich mich allein. Müde. Die Weste fühlte sich komisch an, an meiner Brust war irgendwas befestigt. Mir wollte jemand Fressen geben aber ich roch schon aus fünf Metern Entfernung, dass das nicht meins war. Vor allem solch trockener Fraß, ich bitte Euch. Da schlief ich lieber wieder ein.

 

Das Quietschen von meinem Käfig (ja, es war ein Käfig! Zu Hause wäre mir sowas nicht passiert. Wo ist mein Schaffell???) weckte mich auf. Mir wurde eine Leine angelegt. „Komm, Alwin. Los, wir probieren mal, ob du aufstehen kannst.“ Na klar, was denkst du denn!! Holt mich jetzt mal hier jemand raus? Ahhhhhhhhhhh…. Ich zuckte vor Schmerzen zusammen. In meiner Brust zog es ganz furchtbar. Ich ging zwei Schritte und blieb stehen, wollte doch lieber zurück. Legte mich hin. „Ach Alwin, das kannst du doch nicht mit deinen Menschen machen!“

 

Ein paar Stunden später hatte ich eigentlich schon die Hoffnung aufgegeben, lebend aus diesem sterilen Ding herauszukommen. Bis ich vertraute Schritte hörte. Hacken schnell stampfender Füße hallten, ich hob meinen Kopf und lauschte. Tatsächlich. Da war er!!! Jemand machte den Käfig auf und mir war alles egal. Es tat auch nicht mehr so doll weh. Vor Freude wäre ich fast abgehoben! Mein Herrchen gab mir eine leckere Schnitte. Das schmeckte regelrecht göttlich! Er ging mit mir raus und ich war so froh, diesem Katzen-Mief zu entkommen. Ich konnte mich endlich mal vernünftig erleichtern. Diese komische Baby-Kack-Decke war nun wirklich nicht das Wahre.

 

Als wir wieder drinnen waren, zeigte der Doktor meinem Herrchen Bilder. Sah nach mir aus! Uhh… eine Rippe ist weg. Ein Loch in der Lunge hat alles kollabieren lassen und der Doktor musste meine Lunge aufpumpen und vernähen. Jetzt hängt aus meiner Brust ein kleiner Ballon, wo dauernd Wasser und Wundflüssigkeit herausläuft. Schon etwas eklig. Und Creme schmieren sie mir auch noch drauf. Die Haare, die an der Seite nachwachsen, jucken so schlimm! Und diese komischen T-Shirts nerven auch irgendwie. Aber egal. Hauptsache Herrchen ist da. Ich dachte schon, dass ich ihn im Himmel nicht mehr wiedersehe. Das ist gar nicht der Himmel, das ist echt! Mein Herrchen kraulte mich und meinte, dass ich erst morgen mitkommen darf. Na gut, wenn es sein muss. Aber wehe, du kommst nicht wieder! Aber er kam wieder. Ganz früh sogar. Frauchen war auch überglücklich und gab mir erstmal etwas Vernünftiges zu fressen. Und Durst hatte ich vielleicht! Allerdings brauchte ich wirklich viel Schlaf. Ab und zu wurde ich eingecremt und das T-Shirt wurde gewechselt. Man war nicht ganz zufrieden damit, dass ich nicht rausgehen wollte. Mensch Leute, ich will nicht. Ich fühle mich hundeelend. Lasst mich schlafen.

 

Meine Menschen machten sich Sorgen, wie das mit der Schule werden sollte. Schließlich wurde ich dort dringend gebraucht! Mein Herrchen war gerade unterwegs (ein Wunder, er wich die letzten Tage nicht von meiner Seite!), mein Frauchen kraulte mich und kümmerte sich hervorragend aber sagte immer wieder: „Wie machen wir das nur ab morgen?“ Plötzlich klingelte es an der Tür, mein Frauchen schloss auf.

Da stand sie! Der Traum meiner Träume! Meine Resi war endlich zu Hause. Frauchen fiel aus allen Wolken. Ich war so beflügelt, dass ich mit Resi hinauslief und das machte, worauf alle seit Tagen warteten. Sie verdrückte ein paar Tränen und ich wusste gar nicht warum. Ist doch alles gut! Nur ein bisschen Pipi und ein Häufchen. Als wir wieder drin waren, kuschelte sie sich mit mir an die Heizung und sagte nur „Gott sei Dank Alwin. Gott sei Dank“. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Kathrin (Mittwoch, 03 Mai 2017 15:34)

    oh was ein schöner und zugleich trauriger Post!! Schön, dass alles gut ist!!

    Liebste Grüße
    Kathi

  • #2

    Susann (Dienstag, 09 Mai 2017 21:18)

    Sehr bewegend geschrieben!

  • #3

    Therese (Dienstag, 09 Mai 2017 21:54)

    Dankeschön... <3