Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses

Ein Vers, den ich letztens gelesen habe. Ein Abriss von einem viel größeren Brief, der allgemein so wichtige Dinge enthält. Aber dieser Vers brachte mich ins Stocken und hat mich nachdenklich gemacht.

 

Liebe. Lange Zeit habe ich mich gefragt, was Liebe ist. Habe nach Definitionen gesucht, nach etwas greifbarem… und ich komme zu dem Schluss, dass ich es immer noch nicht in Worte fassen kann. Weil Liebe immer anders ist. Liebe ist ungreifbar. Liebe ist ungewiss.

 

Ich liebe meine Familie – dieses Gefühl ist einfach schon immer da und für mich selbstverständlich. Die Liebe zu meiner Familie ist für mich auf eine Art gewiss. Sie ist mit meinem Denken verbunden, immer präsent, seitdem ich lebe. Sogar mit Alwin ist das so, auch wenn manche darüber schmunzeln. Das war auch schon bei unserem letzten Hund so. Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, da war da plötzlich ein warmes Gefühl und Liebe im Überschuss. Am liebsten hätte ich ihn aufgegessen.

 

Ich liebe meine Freunde. Diese Liebe ist mit Vertrauen verbunden, mit Verlässlichkeit. Das Wissen, dass es immer ein offenes Ohr, immer eine starke Schulter gibt. Immer jemanden, der zu den unmöglichsten Zeiten an den unmöglichsten Orten da ist. Da ist ein Band, am Anfang immer nur ein dünner Faden, später dann ein starkes Tau.

 

Und dann? Dann gibt es eben Liebe-Liebe. Da wird es schwer mit den Beschreibungen. Anziehung, Begehren, Verlangen. Intelligenz. Charme. Starke Schultern. Es ist Liebe, bei der man Gänsehaut bekommt, sich die Nackenhaare aufstellen. Man das Bedürfnis nach Nähe hat. Unendlicher Nähe. Liebe, die sich nach Treue sehnt. Es ist eine Liebe, deren Enttäuschung und Schmerz man viel besser ausdrücken kann, als die Liebe selbst. Liebe kann ungewiss sein. Liebe kann auch unehrlich sein und Liebe kann verletzen. Genau dann, wenn wir enttäuscht sind, kann es umschlagen in Neid, Eifersucht und Hass. Neid, wenn wir die Liebe begehren, die ein anderer empfängt. Eifersucht, wenn der Ge-Liebte etwas anderes liebt. Hass, wenn sich alle Emotionen ballen und ins Gegenteil umschlagen. Negative Gefühle, die Liebe hervorbringt.

 

Ja, ich gebe offen zu, dass ich solche Gefühle manchmal hege. Es sind Momente, die man miteinander teilt, in denen die Liebe wächst. Man schenkt sich einander Zeit, man öffnet sich. Lässt den anderen ins Herz schauen. Vertrauen gedeiht. Geheimnisse werden geteilt. Ehrlichkeit und offene Gespräche. Doch stell dir vor, dann wirst du fallen gelassen. Stell dir vor, du kriegst einen Korb. Stell dir vor, er geht einfach aus der Tür. Stell dir vor, er meldet sich nie wieder. Stell dir vor, alles verpufft, jeglicher Zauber. Und da, wo du das Herz geöffnet hast, damit er hinein kann – genau da bleibt es offen und leer. Da herrscht Schmerz, Leere und Traurigkeit. Dann folgt Unverständnis, Wut und Groll. Warum? Fragen. Genüge ich nicht. Was ist an mir falsch. Stell dir vor, dann gibt es eine andere. Stell dir vor, du siehst ihn dann auch noch mit ihr. Stell dir vor, der Kuss, nach dem du dich so gesehnt hast, bekommt eine andere. Eifersucht. Neid. Hass. Ich kenne es selbst, diese Situation. Wie man da steht und starr stehen bleibt, den Mund auf und wieder zu macht. Die Augen ungläubig aufreißt. Innerlich mit dem Fuß eine Mülltonne umstößt. Ihm in Gedanken mit der Rechten voll eine klatscht. Sich denkt: wie sieht die denn aus? Ja, zu solchen primitiven Gedanken ist man in der Lage. Man will am liebsten Rache. Aber drehen wir doch einmal die Zeit zurück. War da nicht etwas? War da nicht ein warmes Gefühl, heiseres Lachen, Gänsehaut?

 

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Überwinde das Böse mit dem Guten.

 

Es ist liegt an dieser Stelle bei uns, diese negativen Gefühle zu überwinden. Dem Ge-Liebten zu gönnen, dass er liebt. Sich sagen, dass die Liebe, die man ihm gezeigt und geschenkt hat, nie umsonst ist. Sondern Freude und Glückseligkeit hervorgebracht hat. Dass es Momente waren, die einen gestärkt haben, beflügelt. Liebende Momente, von denen man zehrt. Immer und immer wieder. Wie ein Tank, den man auffüllt. Ja, es tut weh, wenn die Liebe geht, wenn sie versagt. Ja, Lügen, Untreue, Enttäuschungen und falsche Versprechen tun weh. Unehrlichkeit tut weh. Lass sie zu, finde Worte, einen Raum, um sie zuzulassen. Aber lass sie nicht umschlagen. Geh nicht deinen kostbaren Speicher mit wertvollen Gefühlen und Erinnerungen an. Bewahre sie, schütze sie. Lass den Menschen gehen, der aus verschiedensten Gründen geht. Denn auch du wirst einmal an der Stelle sein, dass du gehst. Du weißt, dass es schön war, aber etwas fehlt.

 

Ja, Liebe ist nicht greifbar. Ja, Liebe ist ungewiss. Ja, lass es zu. Aber denke immer daran, dass die Liebe dem Nächsten nichts Böses tut. (Paulus‘ Brief an die Römer; 13,10)

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Jacque (Dienstag, 09 Mai 2017 11:34)

    Therese, du inspirierst mich so. :)

  • #2

    Lena (Dienstag, 09 Mai 2017 15:35)

    so ein schöner Text �