Umbrüche - Wenn es Zeit für Phase 2 wird

Vor über einem Jahr wurde 'Von der Kleinstadtschülerin zur Großstadtstudentin' veröffentlicht. Ich berichtete über eine Umbruchsphase - über eine Phase, in der ich erwachsen und selbstständig werden musste und mit Entscheidungen zu kämpfen hatte. Jetzt lächele ich über das Mädchen, das da vor drei Jahren am Innenstadtrring an der Ampel nervös hin und her wippte. Jetzt frage ich mich aber auch, ob das neue Argan-Nagel-Öl meine Nagelhaut wieder hinbekommt, die in letzter Zeit wegen mancher Nervosität oder auch innerer Unruhe angeknabbert wurde. Denn es ist wieder so eine Zeit gekommen, wie sie noch oft im Leben kommen wird, an der ich vor der Tür stehe. Oder an der Schwelle. Nun ist es Zeit zu klingeln. Oder zu springen. Die Frage ist nur - an welchem Schild. Oder die Frage ist - in welche Richtung?

 

Das Vordiplom ist in der Tasche. Nach einer Verschnaufpause steht fest, dass ich weiter studiere. Ja, klar. Das stand auch vor drei Jahren fest. Es stand auch fest, dass ich nach dem Vordiplom wegziehe. Und zwar dorthin, wo ich auch Examen machen will. Tja. Jetzt sitze ich hier und denke mir, dass ich vielleicht mal die Wohnung kündigen sollte. Jetzt sitze ich hier und ärgere mich, dass ich etwas nur so halbherzig angegangen bin. Gasthörerantrag ausgefüllt und abgeschickt aber huch, falsche Adresse. Sieht mir doch gar nicht ähnlich? Diese Halbherzigkeit? Ja. Weil mein Herz hier hängen geblieben ist. An Leipzig - an dieser wunderschönen Stadt. An der Fakultät, an der Theologie. An den gewohnten schrägen Vögeln. An alten Freunden. An neuen Freunden - ganz besonders an ihnen. Diese Freunde, die ich nicht missen möchte. Doch man kommt an den Punkt, an dem ganz langsam durchsickert, dass es dann doch wirklich Zeit wird. Man hat sich noch ein Semester mehr Zeit genommen, um es durchsickern zu lassen. Der Punkt wird spürbar, wenn die beste Freundin plötzlich weit weg ist. Arbeitet und Geld verdient in einer neuen Stadt. Der Punkt wird spürbar, wenn die anderen über ihre gekündigten Mietverträge sprechen.

Der Punkt wird spürbar, wenn es gerade irgendwie nicht rund läuft und sich dennoch alles im Kreis dreht. Der Punkt wird spürbar, wenn dich jemand fragt, ob du ins Ausland gehst und dir so langsam klar wird, dass es sich nach drei Jahren irgendwie seltsam anhört, wenn man sagt, dass man sich noch nicht sooo die Gedanken deswegen gemacht hat. Umso wichtiger ist es, wie ich jetzt deutlich merke, dass man sich neue Ziele setzt. Dass man einen Traum Wirklichkeit werden lässt, einen Wunsch hat. Es wird nicht leichter, wenn man sein Herz hängen lässt. Das Herz wird nämlich hängen bleiben - und es wird nicht vergessen. Alles wird eben nur anders. Leichter wird es mit neuen Aufgaben, mit dem Adrenalin, das durch die Adern fließt, wenn man dann doch wieder nervös an der Ampel steht wie ein kleines Mädchen. Sagte ich eben erwachsen werden? Ich werde immer noch erwachsen. Neu erwachsen. Indem ich neue Verantwortung für mein Leben übernehme und dafür sorge, dass es nicht stehen bleibt, sondern dass ich den Punkt ergreife und eben weiterschreite. Auch mit Sorgen im Hinterkopf. Mit Ängsten. Ich habe Angst, dass ich meine gewonnenen Freunde nicht mehr wiedersehe. Dass wir uns aus den Augen verlieren. Ich habe Angst, dass in der neuen Stadt nur doofe Dozenten sind und dass ich mit ihrer Lehre nicht klarkomme. Ich habe Angst, dort nicht integriert zu werden. Dass mir manches misslingen wird. Ich den Weg nicht finde. Ich habe Angst, dass mein Wunsch sich auch dort nicht erfüllen wird.

 

Aber: ich werde es nie erfahren, wenn ich es jetzt nicht wage.

Es wird Zeit für Phase zwei. Man hat einen Plan: Abi machen, Studieren, Ausbildung,... aber die Zeit des Studiums ist lang und irgendwann, nach drei Jahren, da weiß man, dass es ernst wird. Dass man sich konkrete Gedanken machen kann und vielleicht auch sollte. Nach dem Abi zum Studieren zu gehen - das hat sich ähnlich angefühlt. Eine neue Phase hatte begonnen. Alles andere scheint erst einmal in weiter Ferne zu sein. Aber nein, Phase 2 kommt - fang an, mach was neues, lass los! Ich traue mich. Ich ziehe aus, ich ziehe um. Exmatrikulation. Immatrikulation. Neue Menschen. Neue Perspektiven. Gestärkt, vorbereitet und klüger durch die Erfahrungen aus Phase 1.

 

Ümbrüche, wer kennt es nicht? In nächster Zeit werden vielleicht auch einmal andere berichten, wie sie sich dabei gefühlt haben. Denn ich bin mir sicher, dass jeder einmal an der Schwelle steht. Oder?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0