Umbrüche - Im Sturm stehen (Gastbeitrag)

Letzte Woche habe ich die Reihe "Umbrüche" angefangen. Ich teilte Euch mit, dass ich glaube, dass es für jeden von uns diese Umbruchsphasen gibt - nach dem Abi, im Studium, nach dem Studium, im neuen Job. Im ersten Job überhaupt. Vor allem, wenn man so jung ist, scheint alles im Wandel zu sein. Ich habe auch andere eingeladen, hier zu schreiben, wie sie sich in solchen Zeiten fühlen oder gefühlt haben. Denn für mich ist es wirklich eine Bereicherung, auch andere Geschichten zu hören. Danke Jacqueline, dass Du diesen Brief mit mir und uns teilst!

 

 

Brief an mein 18- jähriges Ich

Liebe Jacqueline,


du wirst jetzt 21. Vor drei Jahren konntest du dir nicht mal vorstellen, wie das ist, von zuhause weg zu sein, obwohl du eigentlich davon geträumt hast, nach Berlin zu ziehen mit deiner besten Freundin. (Berlin?! Mal ganz ehrlich. Eigentlich wusstest du schon immer, dass du die Stadt nicht magst. Dafür musstest du nicht mal hinfahren.) Jetzt wohnst du seit fast 3 Jahren in Leipzig und ich muss sagen: Wir haben uns gemacht.
Es tut mir leid, dass du nicht immer nett zu dir warst. Vor allem, indem du Menschen verletzt hast, die dir wichtig waren, weil du solche Angst hattest, sie zu verlieren, dass du geklammert hast, und als sie sich befreien wollten, noch panischer wurdest - Angriff ist die beste Verteidigung. Um mal Olli Schulz zu zitieren: „Man ist so lange einsam, bis man lernt, allein zu sein“ - ich glaube, das habe ich mittlerweile auch verstanden. Ich erinnere mich meistens gerne an die Zeit vor drei Jahren. Aber was hatten wir für Dramen. Vor allem wegen dieses blöden Abiballkleides. Als du bei Peek & Cloppenburg in der Umkleidekabine gesessen und geheult hast, weil du nichts gefunden hast, was so aussah, wie du es dir vorgestellt hast. Dieser beschissene Streit mit deinen Eltern, weil sie natürlich mal wieder absolut nichts verstanden haben. Der Neid, der dir im Nacken saß, als deine Freundinnen auf Instagram ihre Kleider präsentiert haben („#endlichgefunden #perfekteskleid“). Und die Erleichterung im Gesicht deiner Mutter, als ihr endlich, endlich ein Kleid gefunden hattet, das dir so einigermaßen gefiel. Dann der Blick deiner Cousine, als sie sagte: „Das ist obenrum aber ganz schön frei.“- Ja, das hat ein schulterfreies Kleid so an sich. Das trägt man jetzt so. Tut mir leid. Leider hattest du diese Einstellung da noch nicht. Und die hast du auch erst bekommen, als du in Leipzig warst. Und wie du geheult hast, als dir klar wurde, dass du tatsächlich aus der Schule raus bist. Zu 50 % lag das daran, dass du Angst hattest, Kontakt zu den Leuten zu verlieren - ich kann dich beruhigen, das ist (größtenteils) nicht passiert. Im Gegenteil, manche Freundschaften sind auch erst nach dem Abi so richtig eng geworden. Weil man da merkt, worauf es ankommt. Die anderen 50% kamen von deiner riesigen Unsicherheit - ob die Leute mich in Leipzig mögen werden? Auch da kann ich dich beruhigen. Nicht alle, aber ein paar finden dich ganz in Ordnung. Und diese Leute sind mehr, als du gehofft hast. Zugegeben, du bist immer noch extrem dramatisch (teilweise nervt das, teilweise ist das auch ziemlich witzig)
und du kannst immer noch nicht richtig mit Niederlagen und Enttäuschungen umgehen. Aber das ist nichts, was man nicht ändern kann.


„Once the storm is over you won’t remember how you made it through, how you managed to survive. You won’t be even sure, in fact, whether the storm is really over. But one thing is certain. When you come out of the storm you won’t be the same person who walked in. That’s what the storm’s all about.“


Das Zitat ist aus dem (ziemlich fantastischen) Buch „Kafka am Strand“ von Haruki Murakami. Ich habe es gelesen, als ich so um 18 Jahre alt war und bin mir bis heute nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe, aber trotzdem ist dieses Zitat eines, das mich seither begleitet. Als ich 18 war, steckte ich grad in einem riesigen Sturm, vor allem wegen des Abis - aber auch einfach wegen mir selbst. Seitdem gab es immer mal wieder kleinere Stürmchen, eine steife Brise oder eventuell auch eine Orkanböe. Dass ich das überstehen kann, ist eine Lektion, die ich in den letzten drei Jahren gelernt habe. Niemand hat es immer ganz leicht mit sich. Aber ich bin sicher, wir werden alle schon klarkommen. Irgendwann.


Deine Jacqueline

Kommentar schreiben

Kommentare: 0