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Wie, du studierst Theologie?

Wie alles begann...

Wer kennt es nicht? Gefühlt jedes Jahr ändert sich als Kind/Jugendlicher der Berufswunsch. Von der Prinzessin zur Sängerin zur Sekretärin zur Tierärztin zur Erziehrin zur Lehrerin... Ja, davon kann ich ein Lied singen. Obwohl es bei mir ab der 7./8. Klasse konkret wurde. Ich wollte gern Medizin studieren, Leben retten. Hatte dramatische Szenen vor Augen. Ich habe mir tatsächlich Mühe in Chemie gegeben. Hatte 'mal eine 1 in Physik. Und Biologie war meine Leidenschaft. Spätestens ab der 10. Klasse war das dann vorbei. Chemie und Physik habe ich getrost adé gesagt und festgestellt, dass ich schon bei Tiersendungen in Tränen ausbreche und mich mit Blut nicht anfreunden kann. Dann wollte ich professionelle Tagebuch-Schreiberin werden, Kolumnistin, rasende Resi-Reporterin. Journalistin. Je weiter es auf die 11. Klasse zuging, umso ernster wurden die Pläne. Ich sah mich nach Studiengängen um. Kommunikations- und Medienwissenschaften waren ganz vorn dabei. Dann kam der geva-Test: 89% Grundschullehrerin (das war definitiv das falsche Ergebnis!!), 80% Textil- und Modedesign, oder auch Staatssekretärin oder Gärtnerin (wäre heute tatsächlich mein Plan B neben Köchin, denke ich...). Aber irgendwie nichts mit Journalismus. Ich machte mir nichts 'draus, schrieb fleißig Essays, Portfolio und Artikel für sämtliche Akademien - Axel-Springer, RTL und was es nicht noch so für schöne Dinge gibt. In Leipzig kann man erst im Master Journalismus studieren oder Literarisches Schreiben. Für einen Bachelor wäre tatsächlich noch Hannover in Frage gekommen. Aber Hannover... hmm... ich weiß nicht.

Jedenfalls rieselte es Absagen. Zum größten Teil auch ohne Begründung. Nur ein Professor aus Leipzig schrieb: Wissen Sie, Sie sind so jung. Lernen Sie erstmal etwas über die Welt, machen Sie etwas Vernünftiges, etwas Grundständiges. Biologie, Politik...

Ich fragte mich: Hmm... und Religionswissenschaft? Das wäre voll mein Ding gewesen. Aber... was ist, wenn es mal nicht weiter mit dem Journalismus geht. Was macht man dann so als Bachelorette in Religionswissenschaft? Weitersuchen. Mit meiner Schwester stieß ich beim Durchgucken der Studiengänge dann auf Theologie. Als wir das anklickten, kicherten wir erst unsicher und guckten uns dann aber beide an à la: ist doch eigentlich gar nicht so abwegig? Warum das nicht abwegig ist, wollt ihr wissen?

Der Weg zur Taufe

Eigentlich war ich schon von klein auf religiös. Sehr früh hatte ich eine Kinderbibel und blätterte darin herum. Das Krippenspiel hatte auch höchste Priorität. Ich wurde mit christlichen Werten erzogen, ja. Aber ich habe nicht erlebt, dass christlicher Glaube gelebt wurde. In unserer Familie sind sehr viele getauft und ich würde sagen, dass ein gewisses christliches Bewusstsein und Verständnis herrscht. Eine ganz große Rolle hat für mich der Reli-Unterricht gespielt, weil ich Lehrerinnen erfahren habe, die mich prägten. In der zweiten Klasse kam eine neue Gemeindepädagogin und Lehrerin an unsere Grundschule, die mit uns backte, bastelte, ausmalte, Szenen nachspielte. Für mich immer eine "große" Freundin, mit der man auf einem langen Spaziergang alles bereden konnte und mit seinen 7 Jahren ernst genommen wurde. Ich würde sagen, sie hat den Menschen ins Herz geschaut und damit war sie mein Vorbild. In der fünften Klasse lernte ich dann eine neue, andere Lehrerin kennen: mehr Theorie, mehr Stress, mehr Wissenschaft war gefragt. Aber durchaus wichtig für meine Entwicklung. Langsam äußerte ich Pläne, dass ich gerne getauft werden möchte, weil mir langsam bewusst wurde, was das eigentlich heißt. Ich lernte das Vater Unser und betete vor dem Schlafen. Ja, das tat mir gut. Mit 13 Jahren war es dann soweit. Meine Familie stand und steht, was das angeht, wirklich immer hinter mir und ich höre selten eine kritische Stimme. Meine Taufe war wirklich ein sehr schönes Erlebnis. Ich finde, jeder sollte zumindest einmal eine Taufe miterleben, um dieses Gefühl, das da im Raum schwebt, mitzuerleben. Es ging nahtlos zum Konfi-Unterricht weiter und die Konfirmation war ein schöner Zusatz. Ich denke, dass es für viele unverständlich ist, warum ich glaube. Der Glaube ist für mich ein sicherer Hafen, ein Anker. Ich kann meine Freude ausdrücken, ich kann Tränen vergießen, ich kann weinen und lachen. Verärgert sein. Liebe zeigen. Das ist für mich das bedeutendste - die Zwischenmenschlichkeit. Nähe, Nächstenliebe, Zuneigung, Hilfe.

Bewerbung abgeschickt... und los!

Wir fuhren nach Leipzig zur Studienberatung. Ich wusste nicht, was mich in diesem Studiengang erwarten sollte. Der Satz 'wir freuen uns auch über StudentInnen, die hier einfach Wissenschaft betreiben wollen' war für mich entscheidend - schaffte er nochmal eine Distanz. Das heißt, man muss nicht getauft sein, um Theologie zu studieren. Ja, ich konnte mir vorstellen, Pfarrerin zu werden. Aber wow, das wäre ein krasser Schritt. Ich möchte sachlich bleiben, ich möchte Journalistin werden. Ich bewarb mich. Ja, das war alles dann doch recht spontan entschieden. Auf gut Glück. Aber hey, wer weiß, wer mir das zugeflüstert hat...

Die Aufregung vor Studienbeginn war groß. Ich wusste nicht, welche Menschen mich dort erwarteten. Näheres habe ich dazu letztes Jahr hier beschrieben.

Jedenfalls war dann alles richtig cool. Also wirklich - ich habe Freunde und Freundinnen gefunden, die sich wirklich in mein Herz geschlichen haben und die sicher für immer an meiner Seite stehen werden.

Und je weiter das Studium fortschritt, je mehr ich von dieser Wissenschaft entdeckte, umso mehr wusste ich, dass ich noch mehr will. Dass ich das ganz und gar möchte. Spätestens seitdem ich Mitarbeiterin in der Herzschlag Jugendkirche wurde, wusste ich, dass mein Berufswunsch feststeht. Und das ist viel mehr als das, was sich so viele vorstellen. Ja, ich werde predigen (und das sicher mit Leidenschaft...), ich werde Gottesdienste halten, ich werde weiterhin beten. Aber ich bin mehr. Rednerin. Seelsorgerin. Sozialarbeiterin. Freundin. Lehrerin. Ich bin da, wenn ein Baby geboren wird, wenn es getauft wird. Ich bin da, wenn das Kind zum Jugendlichen wird, wenn es konfirmiert wird. Ich bin da, wenn dieses Kind erwachsen wird, seinen Weg geht, kann das anhören, was es Eltern nicht sagen möchte. Und dann helfen. Ich bin da, wenn Erwachsene heiraten. Ich stehe ihnen in guten und schlechten Zeiten zur Seite. Und ja, ich beerdige sie auch. Aber gewiss ist: ich bin in jeder Lebenssituation da und ich erfahre Geschichten von allen Generationen und darf ein Teil davon werden. Als ich letzten Sommer mein Gemeindepraktikum gemacht habe, da erzählte mir eine 92-jährige alte Dame über eine Stunde von ihrem verstorbenen Ehemann. Sie erzählte mir seine Geschichten - wie er nach dem Krieg in Amerika festsaß und in New York die riesigen Schiffe einlaufen sah. Sie erzählte mir, wie die jüdische Bäckerei im Ort schließen musste und ein großer Transporter alle mitnahm. Und dass sie nie nie wieder dieses wunderbare Mazze-Brot essen konnte. Ja, diese Geschichten rühren mich zu Tränen. Aber sie bereichern mein Leben um so viel mehr. Dafür bin ich dankbar und sehr froh, diesen Weg gehen zu können. Ja, ich würde sagen, dass das mein Traumberuf ist. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Susann (Mittwoch, 31 Mai 2017 21:21)

    Jetzt kann ich deine Entscheidung für dieses Studium gut verstehen. Schön geschrieben

  • #2

    Geertje Wallasch (Donnerstag, 07 September 2017 09:56)

    Liebe Therese, ich bin so froh, dich getroffen zu haben. Du bist eine Bereicherung für mein Leben und Wandeln hier auf Erden. Vieles, was du beschreibt, darf ich in unserer Kirchengemeinde so erleben. Unterwegs auch mit Jugendlichen, sie begleiten, fördern....und Freude, Spaß mit ihnen haben.
    Ich freue mich, auch deinen Weg ein wenig begleiten zu dürfen. Bis bald mal wieder....
    grüßt dich herzlich
    Geertje

  • #3

    Geertje (Donnerstag, 07 September 2017 10:00)

    Ich meinte natürlich: was du

    beschreibst

    leider fehlt das s
    :-(