Bye Bye Martin Luther Ring Nummer 3

... nein das ist noch nicht der Martin-Luther-Ring Nummer 3 .... siehe unten :-)
... nein das ist noch nicht der Martin-Luther-Ring Nummer 3 .... siehe unten :-)

Es ist nicht lang her, dass ich mit meiner Schwester durch die Leipziger Innenstadt irrte und nach einem Gebäude suchte, das nach Jugendstil aussah, oder eine alte Stadtvilla... jedenfalls etwas schönes. Wir landeten an einer stark befahrenen Straße und wollten nicht wahrhaben, dass eine Geisteswissenschaft, dass die theologische Fakultät in einem Bürogebäude untergekommen ist (und meine Schwester ist wirklich abgehärtet gewesen durch mehrjähriges Studium in der Karl-Heine-Straße).

Ja, unerwartet unschön strahlte mir die Fakultät entgegen und erhöhte die Nervosität darüber, wie die Leute wohl im Inneren seien mögen. In einem aufgeheizten Raum strahlte mir dann eine lebensfrohe Frau entgegen, die barfuß herumschwirrte und etliche Pläne heranschaffte. Und es blieb nicht nur bei diesem herzensguten Menschen. Es ging schon in der Einführungswoche weiter mit lieben Seelen, charakterstarken Studierenden, von denen ich in den ersten Semestern nur wenige näher kennen, später dafür aber mehr lieben lernte. Ich erinnere mich an das schüchterne Hinzutreten, das leise Nachfragen, das überfreundliche Lachen à la "lass uns bitte einfach Freunde sein, denn ich möchte hier nicht allein versauern". Jeder suchte einmal nach Seminarraum 20 in den ersten Wochen, bis er oder sie feststellte, dass es im Martin-Luther-Ring Nummer 3 doch nur 4 gab. Man spähte in einen Raum und sah dann nur unbekannte Gesichter - nicht den anderen Ersti, den man dort vermutet hatte (denn als zusammen Stundenpläne gebastelt und geschmiedet wurden, hatte man sich gemeinsame Veranstaltungen im Unterbewusstsein rot gemarkert) und suchte dann weiter, um letztendlich nach fünf Minuten doch wieder dort im richtigen Raum zu landen. Wie oft sprintete man noch in mehr oder weniger 10 Minuten zum Campus. Gemeinsam quetschten wir uns in HS 001, den der eine oder andere auch schon einmal woanders suchte (HS 1 ist nämlich am Campus, haha!), weil man schlichtweg eine Vorlesung nicht in einer leeren Fahrradgarage vermutete - die aber wohl bemerkt der ruhigste Raum war, in dem man schon einmal das Fenster auflassen konnte, wenn Dozierende laut genug sprachen. Ganz im Gegensatz zu Seminarraum 1-4, wo man nur in Pausen mit Ohrenschutz lüften konnte. Oder man hatte bei Herrn Dr. S. Unterricht, der in den Sommermonaten einen sehr alten aber tüchtigen Ventilator aus Urzeiten heranschaffte - neben der mit Kreide beschreibbaren Tafel die wichtigste Anschaffung in seinem Raum.

Mündliche Prüfungen fanden im Konferenzraum oder in einem der engen, scheinbar nur aus Tischen bestehenden Büroräume statt. Aber diese Anspannung und leichte Furcht vor dem, was darin passieren würde, wurde gemildert durch die kleinen Körbchen mit Süßigkeiten und netten Botschaften, die zeigten, dass man dort in allem nicht allein ist.

Nun sag ich bye bye Martin-Luther-Ring Nummer 3

Sag Tschüss von deinen kahlen Fassaden

von stickigen und zu warmen den Magen umdrehenden Seminaren.

Adieu lange Flure auf zwei Etagen

lange Spuren von grau und weiß

Heißen uns nicht mehr willkommen.

Und trotzdem hast du uns getragen in deinen Farben

Aufregung, Tränen, Euphorie und Stille

Mischten sich unter das Neonlicht

Schlicht lässt du trotzdem alle Gefühle erstrahlen.

Au revoir FSR-Raum mit dem Traum-Kaffeautomaten,

zahllosen Gesprächen und Nach-Prüfungs-Gewirr.

Ciao wirrer Kosmos neuer Erfahrungen

und Ursprung von grandiosen Party-Fabrikaten.

Es war ein Anfang, der Beginn einer neuen Zeit. Es ist das Gebäude mit tausenden Geschichten, alten und neuen Dynastien und allgemein einer Seele im falschen Mantel. Ich denke an die Wege zur Mensa und zurück, an Bibliotheks-Kaffee-Gespräche und Smoothie-Flecken auf der Hose. Schallendes Gelächter auf dem Flur und ein 'uhhh' aus dem Mund zu so manchem Dozenten. Kindisch konnten wir sein mit unserem Altweiber-Tratsch - und wurden gemocht mit unserer leichten Naivität, dem Schalk im Nacken. Denn jeder schätzte das Talent dieser Gruppe, den Organisation-Wahn mit Plan und viel Liebe. Stärke und Kraft verbunden mit Namen. Geprägt von dubiosen Rücken-Massagen und Streicheleinheiten auf der versüfften Couch, getrockneten Tränen nach verzweifelten Philosophie-Gesprächen.

Hunderte Schokoladen, Kuchen und Plätzchen sind über den Tisch gegangen während die letzten Texte gelesen und Referate noch schnell vorbereitet wurden (denn essen können wir sehr gut!). Die hohe Theologie haben wir sicher nicht immer verstanden, so manches Kapitel der Bibel übersprungen und Bibelverse nicht auswendig gewusst. Auch wenn wir einst rasend Stammformen aufsagten, so verzagen wir heute dennoch auf Nachfragen. Und ob wir jemals das schwa mobile richtig lesen werden, das scheint doch in den Sternen zu stehen. Den Mythos der Dialektik haben wir in jeder möglichen Art neu aufgerollt, gerade dann, wenn man einmal meinte, einen Sinn erhascht zu haben. Duden.de war ein weiser Begleiter während langer, unverständlicher Vorlesungen. Ich sag nur: Nomensublex, Koinzidenzfall...

Hier gab es gemeinsames Warten und Geblätter im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis. Aufatmen. Ausatmen. Hier stellte man dumme Fragen, durfte Diskussionen austragen oder sich einfach Abende mit eigenen Kompositionen, Oden, Ensemblen und literarischen Ergüssen ausmalen. Ab und zu blieb man auch in tiefen alkoholisierten Dialogen mit Augen-Zwinker-Geklimper hängen. Es gab schier nie endende Gedanken und Begegnungen, die einfach mehr waren.

Danke für Osterhasen mit Pappnasen an den kahlen Wänden, danke für Lichterketten und Kerzen auf Fensterbänken, danke für Efeuranken an Tischen und Schränken. Danke für die unzähligen Plakate mit irrwitzigen Zitaten, Namen und Phrasen. Danke für die Motive, Worte und Metaphern. Danke für alles, was dieses unliebenswerte Ding so unglaublich liebenswert gemacht hat. Danke an alle, die einfach gestalten und walten. Damit zwischen kahlen Wänden Geborgenheit entsteht.

Chaos und Ordnung herrschten in diesem Haus

wo ich Maus spielen durfte und teilnahm

Gewann ich Einblick in Traditionen und Promotionen

machte ich mich auf den Weg und gedeihte

umgeben von Menschen auf meinem Herzensweg

Adé Theologische Fakultät

ich trage dich mit mir in all deiner hässlichen Äußerlichkeit, wunderschönen Innerlichkeit und Fruchtbarkeit.

Nun sag ich bye bye Martin-Luther-Ring Nummer 3

Sag Tschüss von deinen kahlen Fassaden,

einem Rahmen mit wertvollem Inhalt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0