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Außenperspektive: Sie ist ja auch noch echt jung!

Achtung: Dieser Text könnte Ironie enthalten.

Sie schmunzeln, gucken sie mit diesem Blick an, der ihr sagt, dass sie irgendwie niedlich ist.

"Du bist doch noch so jung!"

Ja, und dennoch hat sie Gefühle und Sehnsüchte.

"Wie alt bist du? [...] Ach echt? Ich hätte dich jetzt so auf 17 oder 18 geschätzt."

Das fasst sie gern als Kompliment auf. Dennoch möchte sie gegen dieses Gefühl der anderen, das sie unter Welpenschutz stellt, so gern ankämpfen.

Sie ist eine Frau. Eine Frau mit Gefühlen, Sehnsüchten und Wünschen. Sie ist auch nur eine Frau, die gegen dieses innere Uhr-Gefühl nicht immer ankommt.

Es ist Adventszeit, Vor-Weihnachtszeit und während alles so kuschelig, gemütlich und festlich ist, alles in einem ganz anderen Glanz erscheint, da fallen dann doch die Pärchen, die Familien mit den Kindern, die Papas mit den Kindern auf den Schultern... auf.

Sie fragt sich, warum sie nicht die ist, die ihn in der Schule kennengelernt hat. Sie fragt sich, warum denn alle verliebt, verlobt, verheiratet sind. Ob sie einfach zu jung aussieht, nicht besonders ist? Oder nicht kompatibel?

Es ist ein Mittwochmorgen...

... oder auch fast schon Mittagszeit. Reges studentisches Treiben auf dem Fakultätsplatz. 

Auch die Hormone treiben sie dazu an, die Augen und Ohren in so manchen Situationen offen zu lassen.

So war es ein Mittwochmorgen, als sie die einleitenden Seiten für die Vorlesung überflog, als zwei Plätze links neben ihr die Sitzfläche hinuntergeklappt wurde.

Das war ihr eigentlich relativ egal, es ist schließlich nichts ungewöhnliches, dass neben ihr noch ungefähr 5 - 50 weitere Studenten in der Vorlesung sitzen. Jedoch schwang da so ein Geruch von frischem Rasierwasser (nimmt man das heutzutage überhaupt noch? Vielleicht war es auch einfach ein schönes Deo) hinterher.

Vorsichtig neigt sie den Kopf und späht nach links und aha! den hatte sie vorher hier noch nicht gesehen. Es war wohl ein Examenskandidat, der nun die letzte Panikattacke hatte und sich für ein besseres Gewissen doch noch einmal die Evangelien zu Gemüte führen wollte. Sehr adrett - schlichter Pullover, schöne Schuhe und was für eine schicke Brille. Hmm, denkt sie sich, sieht nett aus.

Es folgte der alles entscheidende Moment...

... in dem Frau als stud.-theol. an dieser Fakultät den prüfenden Blick auf die linke Hand schweifen lässt, genauer gesagt, den Ringfinger. Siehe da, nichts!

Der Kopf fängt an zu rattern, kramt nach Fragen, die sich weniger dämlich anhören als "Na, du steckst wohl schon im Examensstress?", als sich der prüfende Blick weiter zur rechten Hand bewegt. Zum rechten Ringfinger.

Siehe da:

Er ist verheiratet.

 

Peinlich berührt wendet sie die prüfenden Blicke ab und kann sich für die "neue" Zwei-Quellen-Theorie und Markion begeistern lassen.

Die Frage aller Fragen...

... sind denn alle Männer (und auch Frauen) an dieser Fakultät verliebt, verlobt, verheiratet und wenn ja: Warum sie nicht?

Es war nur eine von ungefähr 50 Situationen in den letzten sieben Semestern, in denen sie sich das fragte. Warum schaut sie sich überhaupt an diesem Ort verschmitzt um (wo doch eigentlich schon der Entschluss feststand: "Ein zweiter Theologe zieht nicht mit ins Haus!")?

Das lässt sich folgendermaßen beantworten.

In diesem Alter, wo man für Ü30 Partys definitiv zu jung ist, für Blind - oder Speeddating noch nicht verzweifelt genug und Tinder einfach die aller allerletzte Möglichkeit wäre, bleiben nur noch diese Möglichkeiten übrig:

Entweder: Man trifft jemanden aus der Schulzeit wieder (Facebook, Klassentreffen, Straße) und lernt plötzlich am absoluten Klassenkasper sehr liebenswürdige Seiten kennen - das passiert allerdings (meiner Meinung nach) erst nach dem ersten oder zweiten Klassentreffen, wenn 5-10 Jahre vergangen sind und man seine Ansprüche nach gescheiterten Beziehungen heruntergeschraubt hat.

Oder: Man hat sehr liebe Freundinnen, die einen mit ihren Brüdern verkuppeln können, welche allerdings entweder zu jung (naiv, unreif...) sind oder zu alt, sodass man in ihr Haus einziehen sollte. Und will man wirklich eine gute Freundschaft riskieren?!

Oder: Man wird zu einer Feier, einem Geburtstag etc. von Freunden eingeladen, spricht die magischen Worte "Ich studiere evangelische Theologie" aus, wird entweder sehr mitleidig angeschaut und gefragt, ob man Alkohol trinken dürfe und das Gespräch ist danach sehr bald beendet (oder plötzlich super intim, weil alle aufhorchen, ob man einen Mann auch nur anfassen darf) oder der gegenüber weiß mit der Studienrichtung nichts anzufangen, worauf man, wie in meinem Fall, nicht den Fehler machen und mit griechischen und lateinischen Wörtern um sich werfen sollte, weil man meint, dass das die naheliegendste Erklärung sei. Denn danach, das kann ich euch sagen, ist das Gespräch sofort beendet.

Oder: Man geht in einen Club mit Freunden, um zu tanzen, zu trinken und Spaß zu haben und lernt dort jemanden kennen. Da man dort jedoch nicht einmal "Theologie" aussprechen kann, weil der Gegenüber entweder Biologie oder Geologie aufgrund seines Alkoholpegels versteht, die eigenen Röcke und Kleider sowieso nicht kurz genug und die Schuhe zu flach sind, man vermutlich generell keine krasse Partymaus ist, ist auch hier die Chance, den Potentiellen kennenzulernen sehr gering. Die andere Alternative wäre, sich intellektuell ab 17 Uhr in ein Café oder eine Bar zu setzen, konzentriert am Laptop zu arbeiten oder ein ansprechendes Buch zu lesen (vorzugsweise natürlich von Erich Fromm die Kunst des Liebens) und darauf zu hoffen, angesprochen zu werden. Dazu kann leider noch nichts empirisch wertvolles gesagt werden...

Oder...

... man sieht sich dort um, wo man die meiste Zeit verbringt. In der Fakultät, wo man studiert. Ich glaube, es ist kein Geheimnis, dass Menschen, die Theologie studieren, ein (besonders) großes Herz haben. Genau deswegen studiere ich so gern dieses Fach und mit diesen Menschen zusammen. Nun fragt mich nicht warum, aber sehr viele haben ihre Liebe schon vor dem Studium gefunden, sind also verliebt, verlobt, verheiratet oder sie haben während des Studiums den oder die kompatible Theologiestudenten oder Theologiestudentin gefunden. Rein empirisch gesehen, könnte man meiner Meinung nach sagen, dass Theologiestudierende sehr beziehungsfähig sind und sich rechtzeitig Partner bzw. Partnerin suchen. Man darf auch nicht verheimlichen, dass theologische Fakultäten sehr fruchtbar sind. Sie bringen nicht nur gigantisches Wissen hervor, sondern auch wirklich sehr liebe und schöne Kinder, die einen während der Vorlesung verzaubern können (keine Ironie!).

Tja, so stellen sich die Fragen: Sind einfach schon alle kompatiblen Theologen weg, studiert Madame das falsche Fach oder sind einfach alle schon verliebt, verlobt, verheiratet?

 

Ich glaube, darauf findet man wahrlich schwer eine Antwort. Wenn es eine gäbe, dann liegt sie wohl nicht in unseren Händen. Aber back to the roots: Sie ist doch auch noch sehr jung!

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Kommentare: 1
  • #1

    Frauke John (Sonntag, 31 Dezember 2017 12:08)

    Meine Süße, sehr schön geschrieben!
    Neues Jahr, neues Glück!�