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Wie geht es dir (wirklich)?

Jeder kennt diese Frage, jeder hört sie fast tagtäglich, jeder stellt sie fast tagtäglich:

"Sag, mal: Wie geht's dir eigentlich?"

Oder nur:

"Hallo, na, wie geht's?"

 

Kaum ist die Frage ausgesprochen, scheint es so, dass der Fragende schon beim nächsten Gedanken ist.

 

"Ach, was ich dich noch fragen wollte: Kannst du mir deine Mitschrift vom letzten Mal geben?" (...)

 

"Wie geht's?" ist für uns eine Floskel geworden. Genauso wie Ça va? auf Französisch und so weiter. Aber Hand aufs Herz: Wie oft fragt man wirklich, so wirklich aus Interesse, wie es dem anderen geht?

 

In den meisten Fällen antwortet der Gefragte:

"Ja gut und dir?" oder einfach nur "Alles gut!".

Wenn es eigentlich schon brodelt und manche Dämme brechen, da kommt vielleicht ein "Ach, geht so."

 

Ich kam letztens zu einem Mitarbeitertreffen, hatte einige länger nicht gesehen und fragte auch jemanden: "Na, wie geht es dir, alles klar?"

Er hüstelte und sagte: "Na ja, geht so mittel."

 

Schweigen.

 

Ich war von mir selbst schockiert, dass ich darauf für ein paar Sekunden nichts zu sagen wusste, denn wie selten ist es, dass jemand wirklich ehrlich ist, sagt, was Sache ist und eben nicht flunkert, weil doch ganz natürlich nicht alles in Ordnung ist.

Zugegeben: Ich bin darauf nicht vorbereitet gewesen. Ich sah ihn an, sah dass er blass, das sonst ständige Grinsen irgendwie sehr träge war und ich war einfach für ein paar Sekunden sprachlos, bis ich sagen konnte:

"Ohje, stimmt, du siehst auch etwas kränklich aus."

Er nickte, ich klopfte auf seine Schulter und ging weiter, um den nächsten zu begrüßen.

 

Ich schämte mich. Dafür, dass ich ohne Interesse gefragt hatte, dafür, dass ich anscheinend nicht genügend Empathie aufbringen konnte, dafür, dass ausgerechnet ich, die fast routiniert durch Praktika mit schlechten Stimmungen umgehen konnte, nicht in der Lage war, etwas besseres als diesen Satz zu produzieren, den ich mir eigentlich schon wieder hätte sparen können. Seitdem überlege ich immer wieder, was man in so einer Situation sagen kann und ich glaube, dass gerade dort, wo mehrere Menschen zusammenkommen, derjenige gar nicht in diesem Moment darüber offen sprechen wollen würde.

 

Aber: Kann man nicht auch sagen: "Hey, das hört sich aber nicht so gut an. Wenn du magst, können wir ja nachher mal in Ruhe quatschen, wenn die Sitzung vorbei ist. "

 

Wenn jemand schon den Mut hat, auf eine sonst flapsige Frage ehrlich und natürlich zu antworten, dann sollte man ihm oder ihr doch auch signalisieren: Danke, dass du dich mir anvertraust. Danke, dass du das mit mir teilst und ich möchte dir auch etwas geben: Mein Ohr, meine Schulter, meine Hand. Meine Hilfe.

 

Ganz oft sind es ja auch gar keine dramatischen Sachen. Jemand ist im Klausurenstress, hat schlechte Noten, Krach mit dem Freund, eine Grippe. Dinge, die vorübergehen.  So schwer ist es doch gar nicht, einfach zuzuhören.

 

Und auch andersherum sollte der Fragende sich klar machen, was er fragt. Indem ich ausspreche: "Wie geht es dir?", beginne ich ein Gespräch, lasse mich für einen Moment auf die Beziehung mit einem anderen Menschen ein. Wenn man eigentlich kein Interesse hat, wie es um das Befinden des anderen steht, dann sollte man so ehrlich sein und die Frage gar nicht stellen sondern vielleicht eher sagen: "Ach, schön, dass wir uns auch mal wieder sehen."

Wenn wir dann wirklich, aufrichtig, fragen, wie es jemanden geht und dieser antwortet: "Ja, alles gut!" Oder: "Ja gut und dir?" und derjenige liegt einem am Herzen, bzw. mag man ihn gern, ist froh ihn zu sehen, würde gern mal wieder länger quatschen, dann kann man doch auch einmal nachhaken, weil man schließlich von sich selbst weiß, wie schnell diese Phrase dahingesagt ist.

"Das ist ja gut. Was machst du gerade, zur Zeit/ was gibt es bei dir Neues/ was steht gerade bei dir an?"

Ich bin mir sicher, dass man allein durch ein Quentchen Interesse, durch ein Sätzchen mehr schon auf einer anderen Ebene ist. Und nicht selten wird der Gegenüber dann im dritten Satz sagen: "Was es Neues gibt? Na ja, ich bin ja nicht mehr mit xy zusammen, wusstest du das schon?"

Aha, also ist ja doch nicht alles gut (...oder derjenige hat ein starkes Herz,)

 

Abgesehen davon, muss es ja nicht immer negativ sein. Vielleicht erfährt man durch eine Frage mehr schon, wohin der andere gereist ist, ob er einen neuen Job hat etc.

 

Ich selbst merke immer wieder, wie oft ich etwas überspiele. Wie oft ich sage "alles gut" und schon im nächsten Moment das Gegenteil denke. Mit mehr Ehrlichkeit kommen wir doch besser voran. Ein Fünkchen Aufrichtigkeit, etwas Mut, ein Stück Interesse.

 

Warum mir das wichtig geworden ist: Ich glaube, dass unsere Beziehungen, Freundschaften, Bekanntschaften dadurch eine ganz neue Intensität gewinnen, auf eine neue Ebene gehoben werden. Außerdem fühlt man sich gleich viel befriedigter, wenn man ein gutes Gespräch hatte - nicht immer nur an der Oberfläche gekratzt hat. Ich bin selbst manchmal so enttäuscht, sogar gefrustet, wiel ich denke: Boah, niemand interessiert sich für mich! Und nein, hier gilt gewiss nicht: Willst du was gelten, dann mach dich selten.

Nein, fang bei deinem Gegenüber an.

"Sag, wie geht es dir?"

 

Wie geht es dir wirklich?