Bin ich zu emanzipiert? Macht mich meine Freiheit unfrei?

 

Ich bin dankbar, dass ich so erzogen wurde, wie ich erzogen wurde.

Ich bin froh, dass ich unabhängig sein kann, dass ich allein sein kann.

Ich weiß, dass ich später für mich selbst sorgen kann.

Ich werde mich an die Stelle bringen, an der ich sein möchte - werde so arbeiten, dass ich es schaffe.

Ich könnte meine Kinder allein großziehen, ich könnte mich, meinen Haushalt, meinen Job und meine Familie selbst organisieren.

Aber die Frage ist, ob ich das alles möchte. Möchte ich jetzt schon davon ausgehen; möchte ich mir jetzt schon sagen, dass ich etwas allein schaffen kann? Ohne zu wissen, wie es ist, es gemeinsam zu machen?

 

Es ist vermutlich gewagt, das so zu sagen. Es ist wahrscheinlich gewagt, dass ich einen kleinen Haken an diesem hohen Gut sehe, das wir Frauen uns über Jahrzehnte erarbeitet und erkämpft haben und wohl noch lange nicht am Ende sind. Der Meinung bin ich auch, schließlich möchte ich nicht Frau "Assistentin" sein, sondern bitte Frau "Pfarrerin" und wenn sich jemand dermaßen gegen die Frauenordination ausspricht, ja, da kommt es mir tatsächlich etwas hoch.

 

Aber: ich merke immer wieder, wie verkrampft ich manchmal denke - vielleicht durch die Erziehung und das was mir auf meinem Weg von verschiedenen Seiten vermittelt wurde und was ich selbst aus Erfahrungen gelernt habe. Wie ich mich zu schnell angefeindet fühle oder in die Ecke gedrängt, voller Furcht, meiner Freiheit beraubt zu werden. Ich merke, wie sich in mir schon der Zeigefinger nach oben streckt, meine Zunge schon mahnende Worte vorformuliert, wie sich die Nackenhaare aufstellen und ich bereit für die Abwehr bin.

Obwohl die etwaige männliche Person gegenüber alles andere als etwas negatives im Sinn hatte. "Möchtest Du noch ein Glas Wein? Die Rechnung geht auch auf mich."

 

Eigentlich genieße ich den Moment. Doch das Rattern in meinem Kopf, das emanzipierte Gedenke, lässt das Genießen bröckeln. Wenn ich zu Hause bin, nervt mich das. Muss das sein?

Ich verziehe das Gesicht, ich gehe viel zu schnell vom negativen aus. Ich sehe schon vorher ohne jegliche Kenntnis einen eventuell aggressiven, kalten oder dominanten Charakterzug, weil ich mit meiner Emanzenbrille und zu vielen schlechten Krimis etwas interpretiere, das da gar nicht ist. Ich spüre innerliche Anspannung.

 

Dabei wäre es doch viel schöner, genau diese loszulassen. Es wäre viel natürlicher, der Intuition, der Zuneigung, dem Bauchgefühl nachzugeben, den Kopf einmal auszuschalten, die Gefahrenwarnung von Stufe 5 auf 1 herunterzufahren. Ich muss mich nicht unfrei fühlen, weil das Glas Wein nicht auf meine eigene Rechnung geht. Ich kann es voll und ganz genießen, eine Lady zu sein - kann genießen, dass der Gentleman auch einmal für diese Lady bestellt.

 

Ja, ich könnte das alles selbst.  Bestellen, bezahlen, .... aber ich muss es auch nicht, nur um mir selbst zu beweisen, dass ich es kann. Denn ich weiß es und das reicht doch auch?

Ich darf mich zurücklehnen und einfach mal genau diesen Vorzug meiner Weiblichkeit genießen.

 

Dieses Gefühl, unabhängig sein zu können, ist toll. Es ist schön, wenn man sich gut und stark fühlt, wenn man über sich hinaus gewachsen ist. Es ist richtig toll, wenn man Kallax mit einem kleinen Schraubenzieher zusammengeschraubt hat, obwohl Papa vorher nicht wirklich daran geglaubt hat, weil ich zuvor der Akkuschrauber zerschossen hatte. Es ist genial, diese kleine Macht zu haben, sich einfach umzudrehen und zu gehen, weil einen nichts bei dem anderen hält.

Nur merke ich, dass ich mich selbst etwas verzogen habe. Ich merke, dass ich Kritik nicht all zu gut annehmen kann und mich dagegen sträube, weil es ja wohl nicht sein kann, dass mich Mister kritisiert, es einmal besser wissen könnte als ich selbst. Ich spüre, dass ich zu schnell weglaufe, wenn es Herausforderungen gibt, eine kleine Meinungsverschiedenheit, eine Diskussion. Ich fühle mich sofort meiner Freiheit beraubt und bin weg. "Pahhhh, es geht wohl los. Das muss ich mir nicht bieten lassen."

Doch, man kann sich sehr wohl auch einmal als Frau die Meinung sagen lassen, denn als starke Frau geht das. Eine Beziehung kann das schließlich auch stärken, wenn man sich einigt, über ein Problem reden kann, den Fehler findet. Und: es ist toll, wenn man sich entschuldigen kann.

Unabhängigkeit ist gut, ja. Es ist gut, dass ich finanziell nicht gebunden bin, dass ich es allein stämme. Aber auch Abhängigkeit kann schön sein in so vielen Dingen. Hat Abhängigkeit nicht auch etwas mit Vertrauen zu tun? Ist es nicht eine große Stärke, ohne Vertrag in die Ehe zu gehen? Dass man sich auf die Treue und Liebe des anderen verlässt und nicht schon vorher die Fronten klären muss. Ich frage mich, ob dann da nicht immer eine Wand zwischen zwei Menschen ist, die in der untersten Schublade ein Mäppchen für Eventualitäten haben. Wenn ich mich binde und mich abhängig mache, wenn ich dem anderen Aufgaben anvertraue, die ich selbst nicht so gut bewältigen kann, sollte ich dann nicht zuerst an die Stärke der Beziehung glauben, dass so etwas funktioniert und nicht gleich an die Schwäche, dass ich das nicht allein kann?

Auch wenn ich an später denke, dann überlege ich viel zu oft, dass ich Kinder erst dann bekommen sollte, wenn ich mich und sie selbst finanzieren und haushalten kann. Aber hey: ist es nicht das größte Glück, gemeinsam zu erziehen, gemeinsam für die kleinen Erben zu sorgen, gemeinsam Familie zu feiern? Genau daran möchte ich zuerst denken.

 

Ich möchte mein Herangehen ändern. Ich möchte mich mehr einlassen, nicht mehr nur in meiner Dimension denken. Ich möchte nicht mehr dauernd schimpfen, sondern den Gentlemen da draußen eine Chance geben.

Ich kenne meine Stärken.

Vielleicht sollte ich die Schwächen der 'starken' Seite anvertrauen.

Vielleicht kann ich meinen Freiraum nicht mehr nur allein erleben, sondern auch miterleben lassen.

Ich möchte eine Frau sein, die Stärke und Schwäche zeigen kann. Eine Frau, die ihre Sinne schärft aber ohne Vorurteile an Menschen herantritt. Ich möchte meine Weiblichkeit zeigen und diese leben, eine Lady sein. Ich muss keinen Kumpel spielen, wenn ich eine Freundin sein kann. Ich darf einen Mann gern bekochen und ich werde mich auch zum Essen einladen lassen und genau daran Gefallen finden.

Ich werde nicht zurückrudern in meinem Denken, aber versuchen, nicht alle Möglichkeiten so verkopft durchzuspielen. Ich bin emanzipiert aber werde mich von meinem Denken nicht mehr aufhalten lassen am Gefallenhaben. Auch wenn ich schon manchmal damit auf die Nase Gefallen bin: Die weibliche Intuition ist auf jeden Fall eine Stärke, auf die man sich einmal verlassen und einlassen darf.

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Kommentare: 2
  • #1

    Geertje (Mittwoch, 13 September 2017 16:41)

    Danke!!
    "In der Schwäche liegt die Stärke" �

  • #2

    Stefanie Vari (Dienstag, 19 September 2017 17:03)

    Hallo, liebe Therese! Ich habe deinen Blog gerade entdeckt :)
    Deine Einträge sind ausdrucksstark und ehrlich geschrieben, so schön!
    Vielen Dank, dass du deine Gedanken mit der Welt teilst. Ich freue mich darauf, wieder Neues von dir zu lesen ♥