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Einholende Emotionen

Foto: Martin Nõgu
Foto: Martin Nõgu

Es war ein Sonntagabend, an dem ich auf der Couch lag mit einer Tüte Pombären im Schoß, Bis(s) zum Ende der Nacht sah und mein Hormonspiegel auf den einer 14-Jährigen zurücksank bzw. sich erhöhte. Es war der Höhepunkt von Tagen, von Wochen, an dem ich tatsächlich merkte, dass es gerade nicht lief. Dass ich unzufrieden war. Gereizt. Unmotiviert. Ich steckte in einer Melancholie fest, die mich lähmte. Immer wieder blieb ich an den Dingen hängen, die nicht funktionierten. Obwohl doch eigentlich die Sonne schien, die kalte Luft mich aufweckte, Alwin herumtollte und dennoch konnte ich jetzt nicht glücklich sein. Ich forderte mich selbst auf: "Reiß dich zusammen. Es ist alles gut. Sei glücklich."

Aber gerade kannte mein Glück keinen Imperativ.

Ich möchte gern einmal einsacken. Möchte gern einmal steckenbleiben und nicht weiterwissen, bevor ich versuche, wieder herauszukommen.

 

Ich plane gern, schreibe Listen über Listen und hake nacheinander ab. Ich möchte etwas Bestimmtes in einer bestimmten Zeit erreichen. Und ich hatte auch jetzt einen Plan. Ich hatte eine Vision und wusste, was werden soll. Ich baute mein Kallax-Regal auf, setzte mich an den Schreibtisch und dachte: "Hach, endlich geht es wieder los!" Ordner wurden angelegt, Stifte gespitzt. Ich lernte Menschen kennen, die nicht mit mir auf einer Wellenlänge waren.

Meine Pläne bekamen Risse und platzten. Ich sprintete los, kam ins straucheln und stolperte. Mein Traum ließ sich nicht realisieren. Es gab kein Happy End.

 

Ich weiß - in letzter Zeit war der Blog gefüllt mit bunten Bildern, mit tollen Erlebnissen und Erfahrungen, die es jetzt auch sind, die mich weiterträumen lassen und mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich kann nicht oft genug sagen, wie dankbar ich dafür bin. Aber auch so eine kleine Bloggerin steckt einmal im Sumpf. Bunte Impressionen bewahren einen nicht vor einem Alltag, vor Fehlern, vor Gefühlschaos. Schlechte Erfahrungen bewahren einen manchmal vor erneuten, aber nicht vor neuen.

Es ist so ein Loch, so ein Sumpf, in dem ich mir meine Gereizheit und Genervtheit nicht anmerken lassen will, sie nicht eingestehen kann. Es sind Tage, an denen ich einen Arschtritt bräuchte, aber keine Kritik vertrage. Es sind Momente, in denen ich allein bin und nicht allein sein möchte. Dann lese ich von Motivations-Guides und Personaltrainern, die mir sagen, dass ich selbst für mein Glück verantwortlich bin. Dass ich einen geregelten Tagesablauf brauche und ein Heft, in das ich jeden Tag einen schönen Moment oder ein positives Erlebnis schreibe.

Ja verdammt. Ich tue doch schon alles, was ich mir vorgestellt habe, denke ich mir. Ich arbeite auf das hin, was ich sein und werden möchte. Aber ich bin doch nicht die Einzige, die eine Phase erlebt, in der jeder Absprung ungültig ist, in der jeder Sprintstart zu schnell war, in der jede Kurve zu eng, jede Stange zu hoch und jedes Loch zu tief ist. Ich bin doch nicht die Einzige, die wochenlang strauchelt, sich verheddert, hängen bleibt und wankt. Ich zanke mit mir selbst.

Wenn man zum Perfektionismus neigt, zum Immer-etwas-tun-müssen, dann fällt es schwer, sich einzugestehen, dass man zu viel von sich selbst verlangt hat. Dass man seine Ziele für diesen Moment niedriger setzen muss. Und dass man auch einfach einmal akzeptieren sollte, dass es nicht läuft, dass es nicht funktioniert, dass dieser Herbst nicht golden ist. Ich glaube, man kann in dieser Phase auch einmal die Enttäuschung zulassen. Man darf auch kurz mal einsacken. Denn ich bin doch keine Maschine, die den Motor einfach wieder anlassen kann. Selbst die braucht auch einmal eine neue Füllung Diesel, eine ausgewechselte Zündkerze, die den Motor wieder tuckern lässt.

 

An diesem Abend wollte ich nicht allein sein. Dennoch vertuschte ich meine wirren Gedanken und Emotionen vor einer Freundin. Vielleicht habe ich mich dafür geschämt, dass ich so undankbar war an eigentlich wunderbaren Tagen. Vielleicht wollte ich stark sein, wo ich schwach war. Später sagte sie mir, dass sie das viel trauriger gemacht hat. Und dass sie es nicht in Ordnung findet, wenn ich so etwas vertusche, weil wir sonst doch immer füreinander da sind. Mir hat das die Augen geöffnet – dass ich anderen nicht immer nur meine super tolle und motivierende Laune zeigen muss. Sondern, dass das ich bin. Ein Mensch, der auch schwach ist. Ein Mensch der schwach sein darf ohne in Worte zu fassende Gründe. Ohne benennbare Gefühle. Und dass ich das vor denen, die ich lieb habe und die mich lieb haben, nicht verstecken brauche.

 

Auch wenn es genau in solchen sumpfigen Momenten so aussieht, als ob alle lächeln, Job, Familie und Hobby koordinieren können – ich glaube, jeder würde lügen, wenn er sagen würde, dass er nicht diese Tiefs hat. Diese kleinen Stürme, die alles durcheinander wirbeln im Kopf und man seine eigenen Teile erst einmal zusammensetzen muss.

Sind wir nicht auch authentischer, wenn wir es zulassen und auch zeigen? Wenn wir andere daran Anteil nehmen lassen, dann macht das vieles besser. Denn: Wenn auch der andere mir sagt, dass er diese Phasen kennt, dass er mich irgendwie verstehen und nachvollziehen kann, dann fühle ich mich schon gar nicht mehr allein und das stärkt mich. Das baut mich auf und gibt mir Kraft.

 

Ich habe meiner Freundin dann erzählt, was in meinem Köpfchen vorgeht. Sie sagte einfach nur: Ich verstehe dich. Das hat gereicht, um wenigstens ein Bein aus dem sumpfigen Morast zu heben. Danach habe ich meinen Rucksack gepackt, bin in den Zug gestiegen, habe meine Pflicht erfüllt und den Zug zurück geschafft. Ich habe meinen kleinen Scherbenhaufen zusammengefegt, den Staub von meinen Schultern geklopft, mir die Jacke übergeworfen und bin losgegangen.

 

Ohne Plan. Ohne Ziel. Für diesen Tag hat erst einmal das „Weitermachen“ gereicht.

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Alwin (Mittwoch, 01 November 2017 18:46)

    ... und dafür lieben wir dich!