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Meine Freundinnen...

Sie sind ehrlich und zuverlässig. Sie sind manchmal nervig und laut.

Sie erzählen traurige Dinge und oft schlechte Witze.

Meine Freundinnen sind immer da. Sie fragen nach, sprechen mich an und merken, wenn etwas nicht stimmt. Ich kenne sie erst seit drei Jahren und doch kennen sie mein ganzes Leben.

Vielleicht ist das hier kitschig und komisch - aber ich schreibe es aus tiefstem Herzen. Wofür ich vor zwei Monaten, als wir Tschüss sagten, noch keine Worte gefunden habe, da könnte ich nun ganze Romane schreiben mit den Geschichten und Momenten, die wir erlebten. Es gibt so viele Insider, dass man diesen Text vielleicht nicht verstehen kann, aber ich glaube schon.

Mit ihnen gehe ich mit, sie bewegen mich und machen mich aus. Und sei es, dass wir uns erst in drei Jahren wiedersehen, so glaube ich, dass es genauso wird wie jetzt.

Sie sind Freundinnen, die nach der Schule kamen, als wir noch alle Kinder gewesen sind. Wir haben uns gegenseitig erzogen, Kummer geteilt und auch einmal geschimpft. Am Anfang kannten wir uns alle ja nur flüchtig, jeder hatte seinen festen Buddy. Jede hat mit der anderen Prüfung zusammen gemacht und den Lernstress geteilt. Und diese Zeiten von WG-Horror-Terror, mündlichen Prüfungen und toten Sprachen, diese Zeiten von Stammformen lernen, Kaffeetrinken und Literaturverzeichnis anlegen - genau die schweißen uns zusammen. Jede hatte mit jeder ganz eigene, einzelne, gar einmalige Momente.

Da bist du mit deinen weißen Spitzenblusen und Smoothieflecken. Mit deinen Kullertränen auf meinem wackeligen 5-Euro-Ikea-Hocker. Die du mir so viel Vertrauen schenkst und mir dein Herz ausschüttest. Du hast mich manchmal hilflos gemacht, weil ich nicht wusste, was ich tun kann, war ich doch selbst noch so ganz unfertig und unsicher. Und doch konnte ich einfach da sein und den Moment mit dir teilen, das Schlimme mit dir zusammen aushalten. Gemeinsam haben wir uns durch die ersten Tage, Wochen und Prüfungen geboxt, uns die Welt erklärt und gegenseitig gesagt, dass unsere Hausaufgaben 'schon so passen'. Auch wenn ich manchmal nicht gleich mit der Sprache herausrücken konnte, so hast du dann doch schnell gemerkt, dass irgendwas ist und mich angetippt, angetextet und gefragt, was nun sei. Und ich musste mich nie schämen, ich habe mich nie geniert, es dann zu erzählen in allen Details und Szenen. Du hast es einfach verstanden und mich so angenommen. Wir haben uns getrennt und verknallt und verliebt und verletzt und zwischen all den Menschen gab es immer den festen Anker, die Nummer, die man schnell wählen konnte. Wir wurden beklaut, bestohlen und betrogen und haben versucht, das, was uns genommen wurde, gegenseitig zu borgen und dafür zu sorgen, dass es dem anderen irgendwie besser geht.

Es gibt den kleinen Kaffeejunkie, der mich während der ersten Vorlesung um 7:30 Uhr am Leben, äh wach, hält. Der ohne Worte die 1l- Kanne hochhält und für mich sogar an Milch denkt. Ich weiß gar nicht, wann du mit einmal da warst, aber es kam einfach so und dann hast du dich genauso in mein Herz geschlichen und dir einen Platz frei gemacht. Du hast mir Nachrichten geschrieben - immer alle einzeln - und wenn ich schon schlief, dann ging es pling pling pling und ich wusste, dass das was im Busch ist. Irgendwann saßen wir im Koog Café und kotzten uns über die mündliche Sprachprüfung aus, weil alles, die ganze Welt unfair und ungerecht ist. Genrell fanden wir dann irgendwann heraus, dass wir die Liebe zum Meer teilen, zu DEM Meer, zu Ebbe und Flut, Sturm und Wind, Schlick und Sand. Wir können ganz schön lange schweigen und ewig lang texten. Wir finden uns selbst manchmal richtig blöd und halten uns für die unattraktivsten Menschen der Welt. Aber ein Komplimeht gibt es trotzdem immer. Und ich weiß, dass du mir am ehrlichsten die Meinung sagst, wenn es darauf ankommt, dass du mir mit einem Wort in den Hintern treten kannst und ich freiwillig Blogilates anmache. Eine Knusperflocke, die man nur einmal trifft.

Meine Freundinnen waren vielleicht Zufall oder Glück des Schicksals. Sie kamen in den unerwartetsten Momenten, waren plötzlich da und luden mich einfach aus heiterem Himmel zum Geburtstag ein. Da war am Anfang noch diese kleine Barriere, man hegte so eine kleine Scham, hütete noch so ein paar Geheimnisse, rückte nicht so richtig heraus und meine versauten Witze ließ ich noch im Lager. Doch dann merkten wir, dass wir gern einmal ein Gläschen Wein teilen, dass wir beschwipst feiern können.

Spätestens als der Fruchtlikör alle war, killten wir den Billigpfeffi und als eingefleischte Nordhäuserin sah ich darüber hinweg. Ihr habt mit mir gequiekt, als ich rief, dass die Fruchtblase geplatzt war und habt mit mir gefiebert. Ihr habt mich beruhigt und mit leicht lallender Stimme gesagt, dass das schon wird. Und selbst die schüchterndsten, die erst im zweiten Semester in Griechisch aufgefallen sind, weil sie sich nie gemeldet hatten und nie dran kamen, und dann plötzlich präsent waren mit der perfekten Übersetzung - genau die lachten dann laut mit einem zusammen und feierten. Auch wenn man manchmal auf die Palme gebracht wurde, weil man ganz hinten sitzen musste, um nicht aufzufallen. Aber über diese Freundin ist man saufroh, weil sie die schwierigsten Menschen miterträgt, weil sie zu diesen Tagungen mitkommt, auf die man eigentlich keine Lust hat und ein ganzes Jahr Kram mitorganisiert, von dem man nicht in hundert Jahren geträumt hätte. Auch eine Freundin,  die mäkelt und das Gesicht verzieht beim leckersten Essen, ist so liebenswürdig und einzigartig - genau deswegen.

Meine Freundinnen können genauso strebsam sein wie ich. Sie können genauso faul in der Ecke hocken und alle Fünfe gerade sein lassen. Sie sitzen mit mir auf einem versifften Sofa aus alten Studierendengenerationen und kraulen dir den Rücken. Oder sie geben dir eine komplette Nackenmassage mitten in der Vorlesung in der 4. Reihe. Wen stört es denn? Sie schleppen frische Vollmich und drei Tafeln Milka an für die Kaffeepause und lassen mein Herz höher schlagen. Freundinnen, die irgendwie bis zum dritten Semester eine Randerscheinung waren, die man für wirklich kluge Fragen bewunderte. Eine Freundin, die auf den allerletzten Drücker lernt und besteht. Eine, die einem damit so eine Ruhe und Kraft schenkt und man weiß: Die Welt wird sich weiterdrehen, egal wie. Sie hält deine Hand in Linie 4, sie tätschelt dir die Schulter und nickt verständnisvoll zur Liebes-Tragödie. Sie ruft laut "WAAAS?" und lacht wie angestochen und man weiß gar nicht mehr, welche Sorgen man eigentlich hatte.

Da ist eine Freundin, die teilt den Osten mit dir. Sie redet mit dir in einem verständlichen Dialekt und das weißt du wirklich zu schätzen. Eine Freundin, die ganz trockene Witze hat und würziges Bier trinkt. Sie ist eine Freundin, die dich durch ganz Deutschland navigiert und dir ganz ruhig sagt, dass du falsch abgebogen bist. Sie hört dir zu und fragt gezielt nach. Und vielleicht kann sie dir nicht die ausschweifendsten Gefühle mitteilen, aber die Karte, die sie dir mit einem stillen Lächeln und einer warmen Umarmung zusteckt, sagt tatsächlich mehr als tausend Worte. Und nach einem Schnaps kann ich mich darauf verlassen: Sie holt das 90er Croptop raus, macht sich komische Zöpfe, hat genauso hässliche pinke Schminke auf den Lidern und wird lauthals im gleichen Moment 'hit me baby one more time' schreien. Denn das ist etwas, das man nicht mit jeder Freundin kann: gemeinsam peinlich sein, gemeinsam ungeniert nackt sein und trocken sagen: Ich gehe  auch ohne Badesachen ins Wasser.

Ich möchte euch einfach einmal danke sagen, weil auch ich das in meinem Geplapper manchmal nicht ganz konkret sagen kann und es mir schwer fällt. Ihr seid mir wirklich wichtig geworden und das möchte ich der ganzen Welt sagen. Ihr holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Wenn ich nicht so recht weiß, ob ich die Currywurst holen soll, dann sagt ihr, dass ich am besten noch die Steakhouse-Pommes nehmen sollte. Ihr genießt mit mir das Leben und teilt meine Momente. Ihr fehlt mir, wenn ich allein bin und es macht mir auch irgendwie Angst, euch nicht mehr jeden Tag um mich herum zu haben. Ich möchte am liebsten der ganzen Welt sagen, dass es solche Freundinnen wie euch gibt und nicht nur die, mit denen man ein Pre-Party-Spiegel-Selfie mit gefälschten Wimpern macht. Na gut, das machen wir auch, nur dass unsere dann pinke Federn haben oder Leopardenmuster. Na ja - anderes Thema.

Also: vielleicht schreiben wir wirklich mal ein gemeinsames Buch und verewigen das, was wir erlebt haben und erleben werden. Ich danke unserem Gott, dass er uns auf diesen Weg geschickt hat und hoffe, dass er uns weiter darauf segnet. Danke, dass ihr ihr seid. Danke, dass ihr meine Freundinnen seid. Und nicht nur das... meine Seelsorgerinnen, meine Komilitoninnen, meine Kolleginnen, meine Beraterinnen, meine Kummerkästinnen, meine zukünftigen Trauzeuginnen, die Patinnen meiner zukünftigen Kinder, ach - ziemlich viel. Jede von uns ist einzigartig, jede ein Stück von einem Puzzle mit Zacken und Kanten. Jede passt irgendwie zu mir und füllt etwas mehr aus. Jede ist meine Freundin.

 

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