· 

Wer will ich sein?

Wenn ich mich anschaue, dann komme ich an manchen Tagen oft ins Hadern.

Ich sehe kleine Flecken, die mich zeichnen, Härchen, die mich bedecken, Narben, die ich mit mir trage. Wenn ich darüber nachdenke, wie ich immer sein wollte, dann sehe ich eine glatte Fläche, die ich zeichnen wollte. Eine Haut ohne Poren, eine Farbe ohne Pigmente, einen Kreis aus einer Linie.

 

Ich, wir, definieren uns über unser Äußeres. Unser Körper ist ein Medium, mit dem wir kommunizieren. Mit unserem Aussehen, mit unserem Körper, schaffen wir einen ersten und vielleicht auch einen bleibenden Eindruck. Und als soziale Wesen wäre es für viele von uns fatal, wenn unser Äußeres andere davon abhält, uns näher zu kommen. Nur sehen wir nicht die Konsequenzen, die folgen, wenn unser Körper zum Hauptfokus unserer Sprache wird. Ich merke das, wenn ich gegenüber anderen Menschen unsicher werde, weil ich (meiner Ansicht nach) nicht passend gekleidet bin. Wenn mir vor einer Besprechung auffällt, dass ich einen Fleck nicht überschminkt habe. Dann kommen in mir negative Gefühle auf, die mein Denken und Vorankommen einschränken und die Beziehung zu anderen Menschen daraufhin irritieren. Noch tiefer geht es, wenn mich andere Menschen auf "Makel" aufmerksam machen. Wahre Zeichen der Kommunikation, ein Flüstern beim "hey, du hast da was am Kinn" oder ironisches Lachen beim "na, Pinzette vergessen?" werden missgedeutet, weil der persönliche Fokus so stark auf dem Äußeren liegt, das in dieser Situation ganz und gar nicht akzeptiert werden kann.

 

Mir ist das stark bewusst geworden, als wir zwei Wochen in Kroatien campten. Bei 35 Grad praller Sonne, kaltem Wasser, mäßig sauberen Sanitäranlagen und langen Nächten spielt Aussehen irgendwann keine Rolle mehr. Die Haare sind eben vom Salzwasser verklebt und man kann sie nicht dreimal am Tag waschen. In den Spiegel schaut man auch nur im Vorübergehen. Und wer rasiert sich schon? Das sind Dinge, die ich schön finde. Ich finde es wunderbar, dass für eine kurze Zeit beinahe genormte Ansichten unserer Gesellschaft in diesem eigenen kleinen Kosmos ausgehebelt werden. Man darf so sein, wie man sein möchte, nämlich natürlich. So, wie man eben auf die Welt kam, so wie man geschaffen und beschaffen ist. Ganz andere Dinge werden wichtig und stehen im Vordergrund, nämlich tatsächliche Kommunikation mit Menschen, die ohne eine künstliche Membran erfolgt, welche mögliche Kritik oder Reaktion auf das pure Äußere abfedern könnte.

 

Es braucht Zeit, um das zu (einzu)sehen. Ich ärgere mich über mich selbst, wenn ich in eine ganz andere Rolle schlüpfe, weil mich jemand nach dem Mittagschlaf auf der Picknickdecke im Camp auf eine kleine Unreinheit hinweist. Ich sehe mich selbst, wie ich kratzig werde, aufspringe, zickig werde - also: gar nicht ich selbst bin - und mich wenige Sekunden später darüber ärgere, dass ich mich mit meinem Körper in diesem Moment nicht akzeptieren kann, mit mir selbst in einen Konflikt gerate und mein Äußeres Oberhand über das Innere gewinnt.

Solche Momente bringen mich zum Nachdenken und ich frage mich:

 

Wer will ich sein?

Wer will ich gegenüber mir selbst sein?

Wer will ich gegenüber anderen sein?

 

Ein Teammitglied hat ins Campheft einen Vers aus dem ersten Buch Samuel geschrieben, welcher lautet:

 

Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an. (1Sam 16,7)

 

Dieser Vers lässt mich bei dem Ankommen, was mein Selbst ausmacht. Ich will die sein, die Menschen annimmt, weil sie selbst sind und nicht eine selbst geformte Hülle. Ich möchte die sein, die von anderen geliebt und geschätzt wird aufgrund meines Charakters, meiner Taten und meiner Geschichte. König David war vielleicht der Jüngste, der Kleinste seiner Familie, der, dem an wenigsten das Königsein entsprochen hätte. Doch die Geschichte zeigt, dass wir selbst diejenigen sind, die Chancen und Möglichkeiten wegnehmen aufgrund unserer äußeren Beurteilungen. Können wir nicht mehr versuchen auch auf das Herz zu schauen? Und nicht nur bei anderen, sondern auch bei uns selbst.

Wofür schlägt mein Herz? Wenn wir darauf hören, dann kommen wir doch viel schneller bei uns selbst an, als wenn wir nur danach gehen, was unsere Augen sehen und wie sie urteilen. Einen Makel, eine unreine Stelle, eine Irritation... das werden unsere Augen immer finden. Es wäre furchtbar, wenn sie es nicht täten. Denn unser Körper ist unsere schützende Hülle, er soll das bewahren, was innen steckt, er sorgt dafür, dass unser Herz stetig schlägt. Unser Körper trägt unsere Geschichte und unsere Erlebnisse mit - er ist gebräunt von intensiven Sommertagen, er ist zerkratzt von Raufereien, er ist gezeichnet von unserem Alter, er erinnert uns an Krankheiten. Unser Körper hält vieles ab, was unser Herz verletzen könnte und das sollten wir nicht kritisieren. Weder an anderen, noch an uns selbst.

 

Nun, wenn ich dieses Bild von mir sehe, dann komme ich mir selbst ein Stückchen näher, weil ich einen Teil meines Körpers sehe, der von innen nach außen erzählt. Der glänzende Film erzählt von den Gängen in der hitzigen Altstadt, die eingerissenen Mundwinkel von Salzwasserschlachten und langen Gesprächen. Die Augenränder von Disconächten und wenig Schlaf. Empfindliche, gerötete Haut antwortet auf Sonnentage. Druckstellen der Brille sprechen für meine Kurzsichtigkeit. Und verschmierter Lippenstift deutet auf unverschämt leckeres Eis. Und im Augenwinkel, da blitzt ein Gedanke auf, eine Erinnerung, die vage ahnen lässt, was mein Herz gerade spielt. Das bin ich mit meiner Unperfektheit, mit meiner Geschichte und meinem lebenden Körper. Ein Körper, der nicht nach Attraktivität gedeutet werden will, sondern durch Selbstsein.

 

Lasst uns anschauen mit den Geschichten, die wir erzählen, innen und außen. Du mit deinem Du, ich mit meinem Ich.

Danke, zalexfilm, für die Bilder und Gedankenanstöße!

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Karin (Mittwoch, 01 August 2018 14:47)

    Ich bin überwältigt,wie bewusst du alles wahr nimmst und welche Freude du an deiner neuen Umgebung und den Mitmenschen zeigst.
    Es macht Freude von dir zu lesen.
    Alles Gute für dich.