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Der innere Kompass

 

Vor ein paar Monaten hielt ich einen Briefumschlag in der Hand, etwas dicker, irgendwas war darin - nicht nur eine Karte.

 

Es war ein Tag in einer Zeit, von der ich nicht mehr viel erwartete. Man kann nicht sagen, dass ich traurig war, nein. Ich war auch nicht unglücklich, im Gegenteil. Ich ging meinen Weg, ich machte meine Sache. Nach einer Enttäuschung, nach ein paar wirklich zu emotionalen Wochen, war alles in Ordnung - ich war bei mir selbst, hatte meinen Frieden gefunden. Dennoch nicht so wie sonst.

 

Eine kluge Frau sagte einmal zu mir: Stell dir zwei Blätter vor. Tupfe auf jedes Blatt ein paar Flecken Kleber. Und dann lege die Blätter aufeinander. Warte kurz. Ziehe sie wieder auseinander. Was siehst du?

Was man sieht, sind zwei Blätter, die nicht mehr so aussehen wie vorher. In einem sind ein paar Löchlein, an dem anderen sind die obersten Papierschichten des zweiten Blattes hängen geblieben.

Ich glaube, so ist das auch mit uns Menschen. Begegnungen mit Menschen machen etwas mit uns. Von dem einen nehmen wir ganz viel mit, einem anderen geben wir etwas von uns. Es ist ein Geben und Nehmen. Aber es gibt eben auch Begegnungen, die kratzen an unserer Oberfläche, die sogar ein Loch in uns reißen und bringen uns aus dem Gleichgewicht.

Ich hatte sorgsam ein paar Sticker auf mein Blatt Papier geklebt, ein bisschen Glitzer hier und da drauf gestreut und doch konnte ich bis zu diesem Moment nicht leugnen, dass mein innerer Kompass nicht ganz eingenordet war.

 

In dem Umschlag war ein Stückchen Pappe und erst sah ich nur einen dünnen Faden (ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich dachte, jemand schenkt mir ein Reise-Nähset). Als ich die Pappe öffnete, kam ein kleiner Kompass zum Vorschein, es war ein ganz zartes Kettchen, das ich um mein Handgelenk legte und sofort festband. Auf einem kleinen Zettel stand: "Wünsche dir etwas, wenn du dieses Kettchen anlegst. Trage es fortwährend. Wenn es abfällt, dann geht dein Wunsch in Erfüllung."

Natürlich verrate ich nicht, was ich mir wünschte, aber ich gestehe, dass ich gar keinen konkreten Wunsch hatte. Erst als ich die Karte, die dem Kettchen beilag, las, kam mir etwas in den Sinn. "Ich wünsche dir, dass du deinen inneren Kompass nie verlierst."

Ja, dachte ich mir. Ich habe einen sehnlichen Wunsch. Aber was diesem vorausgehen muss, ist eine Lebenshaltung und ein Weg. Eine Richtung, die zu mir passt. Nicht nur aufstehen und weiterlaufen, sondern nach oben blicken und einen bestimmten Weg einschlagen. Manchmal sehe ich dieses Kettchen an, wie es sich langsam weitet, die Farbe leicht verblasst, wie es alle Spuren meines Alltags mitnimmt. Jeden Tag, wenn ich darauf blicke, überlege ich mir, in welche Richtung ich eigentlich gehe. Ob es mir reicht, am Strand entlang zu laufen, oder ob ich einen Berg bezwinge. Seitdem ich mich auf meinen inneren Kompass besinne, fühle ich mich anders. Fühle Motivation und Elan und laufe auf den Moment zu, wenn das Kettchen tatsächlich abfällt. Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass dieser Moment voller Zauber einfach auf mich trifft. Meiner Meinung nach muss man den Weg vorbereiten, stehen bleiben, sich besinnen und schauen, dass sich die Nadel richtig ausrichtet. Ja, ich weiß nicht, was mich erwarten wird. Einige werden sich auch fragen, ob ich überhaupt daran glaube, dass der Wunsch dann tatsächlich in Erfüllung geht. Ich sage euch: Ich weiß es nicht. Für mich ist die symbolische Bedeutung dahinter viel wichtiger:

 

Hab einen Wunsch. Halte an ihm fest, ganz doll, mit deinem Herzen. Aber gehe ihm entgegen, mit Kraft, mit einer Richtung, mit deinem Stil. Lass dich darauf ein, lass dich überraschen, aber halte die Augen auf für diese Überraschung. Besinne dich immer wieder, in welche Richtung du gehst und ob es noch der für dich richtige Weg ist.

 

Gerade stehe ich wieder, schaue auf diesen kleinen Kompass. Frage mich, wohin ich gehen soll. Ich möchte keine Chance vertun und doch weiß ich, dass manche Berge doch (noch) zu hoch sind. Ich schließe die Augen und höre auf ein Gefühl, auf diesen inneren Kompass. Die Nadel richtet sich noch aus, schwankt zwischen Westen und Norden. Sie tariert sich aus und ich setze einen Fuß nach vorn...

Habt ihr auch einen "inneren Kompass", der euch mit einem unbeschreibbaren Bauchgefühl leitet, mit dem ihr Entscheidungen getroffen habt? Oder habt ihr schon einmal die Orientierung verloren?

 

Erzählt mir doch eure Geschichte und schreibt einen Kommentar oder eine Nachricht an info@gedankenschleife.de - ich freue mich!