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Lauwarme Zeit

 

In Sandalen, mit Pullover, stehe ich am Gleis. Trinke aus meinem Bambusbecher lauwarmen Tee.


Warum redet da niemand drüber, dass es zur Zeit lauwarm ist. Alle begrüßen den Herbst mit Kürbissuppe und Pumpkin Spice, mit dunkelroten Lippenstiften, aber eigentlich schlecken wir doch am Nachmittag noch unser Eis bei 25 Grad und Sonnenschein. Zwar hat der Eisdealer nicht mehr bis 22 Uhr auf, schließt um 20 Uhr. Aber trotzdem - der Sommer hat sich noch nicht verabschiedet.

Der Sommer gibt dem Herbst noch einen zarten Kuss, nicht ganz so ganz leidenschaftlich. Der Herbst ist nicht bereit, den Sommer schon ziehen zu lassen. Er steht in der Tür, hat seine Schuhe schon an, aber klemmt noch seinen Schuh in die Spalte, um das letzte Lächeln vom Sommer zu erhaschen.
Es ist eine lauwarme Zeit.

Die Hitze ist vorüber. Nackte Haut wird wieder eingepackt. Hellblau wird zu senfgelb. Und unter der 7/8 Hose blickt doch noch ein unbedeckter Knöchel vor. Am Abend geht man doch lieber ins Warme. Aus eisgekühltem Weißen, wird halbtrockener Roter - lauwarme Zimmertemperatur, bitte.

Zwischen heiß und kalt ist es lauwarm.
Zwischen alt und neu genießt der Aufbruch seinen kurzen Auftritt.
Jetzt schmerzt die Trennung doch noch etwas mehr, jetzt wird die leere Betthälfte langsam kälter. Aus Café Frappé wird ein Spiced Latte. Kerzen brennen um der Atmosphäre Willen, nicht um Ungeziefer loszuwerden.

Zwischen Feuer und Eis ist die Liebe anders. Sie ist lauwarm gut. Du verbrennst dich nicht mehr. Schreckst aber auch nicht vor der abweisenden Kühle zurück. Du blickst auf sie und überlegst besonnen. Kannst beruhigt kosten. Weißt wie sie schmeckt... und zu schätzen, dass sie es tut. Heiße Cocktailnächte geben an Rotwein-Kaminfeuer-Abende ab... in meiner Vorstellung.

Lauwarm ist diese Zeit. Es ist lauwarm zwischen leicht und schwer.
Hausarbeiten werden noch fertig geschrieben. Deadlines und Termine sitzen präsenter im Nacken, als sie es noch im Sommer taten. Pling! Im Postfach kommt der Ablauf zum Erntedankgottesdienst an, während ich über den Sommer in der Landeskirche schreibe. Und doch lockt der Nachmittag raus, das weiß ich am frühen Morgen beim zimtigen Porridge aber noch nicht.

Es ist lauwarm zwischen Nacht und Tag. Beim ersten Blick aus dem Fenster um 6:45 dämmert es gerade erst, das Bedürfnis nach einem Hoodie und kuscheligen Socken ist höher als die Vernunft nach Ersichten des Wetterberichtes. Wo man vor ein paar Wochen noch motiviert aus den Federn kam, gekitzelt von ersten warmen Strahlen, zieht nun der Gedanke an den ersten heißen Kaffee. Das Aufstehen ist lauwarm.

Es ist lauwarm zwischen Brise und Sturm. Zwischen Schnee und Regen. Wenn der Nebel wabert. Antworten länger brauchen. Menschen träger werden... Freude und Sehnsucht sich vermischen. Lauwarm ist das Zurückkommen aus dem gemeinsamen Urlaub. Die Freunde wieder weiter weg sind. Alleinsein bewusster wird. Die Wärme aber noch in den Knochen steckt. Eis besser zum heißen Apfelstrudel schmeckt.

Es ist lauwarm zwischen laut und leise. Wenn ich das Fenster beim Frühstück öffne, wechselt aufgeregtes Kindergequieke bei Spaziergängen und Exkursionen zu müdem Maulen...
lose Klingeln der Fahrräder beim übers Kopfsteinpflasterfahren weichen Geklapper von Stiefeletten, bevor Stiefel anfangen werden zu stapfen.
Gelächter und klirrende Flaschen aus dem Park verstummen schon am Abend gegen neun, bis sie irgendwann fast fehlen.

Lauwarm sind noch die Erinnerungen.
Meeresrauschen vom Atlantik im Ohr. Getrocknete Tränen am Telefon. Gepäckaufgabe-Zettel im Portemonnaie. Ein blauer Fleck vom Hochzeits-Highheel. Belgische Pralinen im Kühlschrank. Eine Nummer ohne Nachnamen.

 

Der Sommer gibt dem Herbst noch einen zarten Kuss, nicht ganz so ganz leidenschaftlich. Der Herbst ist nicht bereit, den Sommer schon ziehen zu lassen. Er steht in der Tür, hat seine Schuhe schon an, aber klemmt noch seinen Schuh in die Spalte, um das letzte Lächeln vom Sommer zu erhaschen.
Es ist eine lauwarme Zeit.

Es ist 15:29 Uhr. In meinem Ohr läuft „Akustischer Herbst“. Der Typ neben mir trägt eine kurze Bermudas. Gegenüber liest eine Frau über „Brauntöne in allen Facetten“. Ich denke über mein Abendessen nach. Vor ein paar Wochen hätte ich den Treffpunkt zum Kaffee-Date ausgemacht. An der Messe steigt ein Mann mit Hund ein, der nass riecht. Warme Luft zieht an meinem Arm vorbei, der von der Klimaanlage Gänsehaut hat.

Ich lächle. Eine ambivalente Zeit. Mit sanftem Herzklopfen.

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Kommentare: 2
  • #1

    https://www.wandelsinn.de/ (Samstag, 15 September 2018 15:20)

    Wieder sehr schön reflektiert, liebe Therese. Ich schicke dir einen herzlichen Wandelgruß ;;-)
    Geertje

  • #2

    Janine (Samstag, 22 September 2018 09:34)

    Wow! Ein megaschöner Text! Ich finde es spannend, wie Du den Herbst mit der Temperatur vergleichst und auch die Liebe mit lauwarm gegenübersetzt. Mega toll :D
    Ich komme bald wieder um zu lesen :D
    Liebe Grüsse aus der Schweiz
    Janine von https://www.vivarubia.com/