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Liebesbrief an dich

Während ich das schreibe, ist es ganz still und du seufzt zufrieden. Ganz ganz langsam hebt sich dein Brustkorb.

Ich muss an eine Geburt denken, nach der es ganz ruhig ist. Leise Schritte. Leises Treppensteigen. Kein Fernseher. Kein Radio. Das Feuer im Kamin rauscht und wärmt den zarten Körper. Die Spülmaschine wäscht und piept. Ab und zu knackt die Holztür oder der Boden knarzt.

Genauso ist es jetzt. Es wird ganz ruhig. Es ist das gleiche Vakuum.

Die Zeit steht still.

Noch mehr, wenn du mit müden Augen hochblickst. Keine Angst, ich lasse dich nicht allein.

Es ist ganz still, als ich durch den Wald laufe und daran denke, dass wir gestern noch hier waren. Das hast du für mich gemacht.

Es ist ganz still unter der Dusche, wenn ich versuche warm zu werden. Das heiße Wasser brennt auf meinen kalten Händen. Und ich stelle mir vor, was ich nicht wahrhaben will.

Dass du gehst.

 

Wir haben gekämpft mit aller Kraft, aber allen voran natürlich du. Wie immer wolltest du uns etwas beweisen. Du wolltest uns sagen, wie gut du bist. Aber das wissen wir doch.

 

Alwin, ich kann dich nur lieben, seit der ersten Minute, als du über allen anderen Welpen gelegen hast. Mit riesigen Pfoten und einer Speckfalte mehr als allen anderen. Dein erstes braunes Halsbändchen hat man auf deinem semmelfarbenen Fell gar nicht gesehen.

 

Du bist gewachsen und hast uns wahnsinnig gemacht, als du nicht gehört hast und nicht Beifuß laufen wolltest. Aber nach der Hunderschule im Oberharz war das kein Thema mehr, Dich hat jeder bewundert. Vor allem in unserer Straße, wenn du im Frühjahr wie Winter auf dem Gehweg gesessen hast und alles im Blick hattest. Du warst die Oma, die sich übers Fensterbrett nach draußen lehnt und Klatsch und Tratsch mitbekommt.

 

Du hast jeden Mist mitgemacht. Von Nagellackieren über T-Shirt-Tragen bis hin zum Weihnachts-Halstuch.

 

Ohne dich hätten wir hunderte Stunden weniger gelacht. Denn wenn du deine Lippe immer eingeklemmst, oder wenn du so laut geseufzt hast oder gefiept wie ein Papagei, dann konnte man dir nicht böse sein. Sondern nur schmunzeln.

 

Und während ich das schreibe, weiß ich nicht, ob ich Präteritum oder Präsens verwenden soll. Und was mit Futur ist, das weiß ich erst recht nicht.

 

Ach Alwin, wie soll es sein, morgens länger zu schlafen und am Nachmittag halb drei nicht von einer nassen Zunge vom Power-Nap aufgeweckt zu werden. Wer wird mich auf Wutspaziergängen nach Streitereien begleiten. Wer wird mit mir die 22.000 Schritte am Strand von St. Peter-Ordníng knacken.

Fragezeichen.

 

Ich will deinen Welpengeruch nicht missen, so wie du am Ohr vor allem nach dem Schlafen riechst. Wie ein Baby in einer Speckfalte. Ich will dein Pfötchen abends auf dem Sofa nicht missen, wenn du auch nach acht Jahren noch hoffst, mit draufkommen zu dürfen.

 

Wer geht mit mir im Sommer baden und will mich mit scharfen Krallen aus dem Wasser retten.

 

Mit dir war vielleicht alles oft komplizierter.

Aber immer schöner.

Erfüllter.

Wärmer.

Lauter.

 

Ich will in deinen honigbraunen Augen versinken, bevor du sie schließt und werde niemals vergessen, wie sehr du mich liebst. Immer und immer wieder.

 

Wir würden gern alles tun, damit du hier bleibst. Aber eine Seite verliert immer bei einem Kampf. Dieses Mal hat die Natur gewonnen. Du hast sie zwei Mal wie durch ein Wunder geschlagen. Doch jetzt müssen wir dich gehen lassen. Und das ist so unfair und ungerecht und ich will es nicht. Nie.

Aber vielleicht ist da irgendwo ein Sinn.

Vielleicht geht nicht mehr. Vielleicht haben wir alles gegeben und erlebt, vielleicht kannst du uns nicht noch zu besseren Menschen machen. Denn zu denen sind wir geworden, durch dich. Wir sind weicher, sensibler, ausgegelichener und emotionaler. Aber auch unendlich verletzlich durch diese tiefe Liebe und dieses Vertrauen.

Selbst im Leid bringst du uns zusammen und lehrst uns, zueinander zu stehen. Zeit zu investieren. Für die Liebe. Für dich und für uns. Du zeigst uns, was Beziehung bedeutet und welchen Wert sie hat. Dass man kämpfen muss, immer wieder von Neuem. Damit wir uns nicht verlieren bist du da. Du machst uns stark und schwach zugleich.

Du bist die schönste Seele, welche ich kennengelernt habe. Du wirst bestimmt woanders gebraucht. Andere brauchen dich. Und wir vergessen dich nicht, das verspreche ich dir. Du bist präsent und allgegenwärtig und du wirst es bleiben, egal wohin deine Reise geht.

Nun will ich aufhören mit weinen, lachen und dankbar sein für unsere Geschichte. Und ich weiß, dass wir uns dort sehen werden, wo Anfang und Ende, Geburt und Tod zu einem werden. Bis dahin will ich, dass du weißt:

 

Ich liebe dich.

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Geertje (Samstag, 01 Dezember 2018 12:23)

    Liebe Therese, es bedarf keiner weiteren Worte hier. Du hast liebevoll geschrieben, wie es euch ergeht... Viel Kraft und Liebe weiterhin und Gottes Segen auf allen Wegen...
    Herzlicher Gruß
    Geertje

  • #2

    Bettina Latt (Samstag, 01 Dezember 2018 13:39)

    Zum Weinen schön geschrieben!

  • #3

    Steffi Grünewald mit "Pluto" (Samstag, 01 Dezember 2018 15:10)

    Liebe Therese, wir haben im Januar unseren ersten Magyar Vizsla "Luca" mut 10,5 Jahren gehen lassen müssen. Er hatte einen Mastzelltumor. Und wir vermissen ihn immer noch, trotz das wir "Pluto" haben. Aber ein schöner Spruch noch, das schrieb mein Chef :Niemals geht man so ganz, irgendwas von Dir bleibt hier!
    Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und alles Gute �

  • #4

    Jutta (Sonntag, 02 Dezember 2018 10:34)

    Liebe Resi, wir fühlen mit dir. Einen Freund mit dieser engen Beziehung gibt man nicht her, der soll einem durchs Leben begleiten. So hast du mit deiner Familie eine schmerzhafte Erfahrung gemacht ! Weine so lange es dir danach ist. Ich musste bei dieser Liebeserklärung auch weinen.

  • #5

    Tina Báfé (Montag, 03 Dezember 2018 18:56)

    Mir sind die Tränen gekommen so wunderbar hast du über die Zeit mit Alwin geschrieben, darüber wie das Leben mit ihm euch verändert hat, wie es dir jetzt geht in der Stille. Meine Gedanken sind bei dir und ich wünsche dir wirklich von ganzem Herzen viel Kraft um die Stille zu ertragen. Die Zeit heilt leider nicht alle Wunden, sie kann nur helfen irgendwann den Kummer zu lindern. Alles Liebe für dich/euch von Tina.

  • #6

    Karin (Dienstag, 11 Dezember 2018 22:46)

    Hallo,eine bessere Erinnerung an deñ LIEBEN ALWIN kõnnte keiner von uns
    niederschreiben, Die schönen Tage mit ihm überwiegen.
    Alles, was ihm Freude bereitete ,wurde sehr gern gemacht.
    Der Hundeknochen hat weiter einen Platz zur Erinnerung an ihn. Um gern mit ihm zu toben,war unser Garten noch viel zu klein. .
    Ganz stolz schaute er in der Stube von seinem Stammplatz über den großen Tisch.!!!!
    Alwin bleibt immer in unserer Erinnerung.
    Schade,aber nun schaust du von oben herunter zu uns.
    Du bist immer ein lieber Freund in unseren Herzen.