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Risiko des Glücks

Der Grafiker legt mir zwei Hefte vor die Nase. Zwei verschiedene Ausgaben. „So da haben Sie die Qual der Wahl!“

 

Ich blättere durch. Erkenne die Texte und Bilder wieder. Aber die Farbkonzepte sind anders. Und die Formen. Links rund. Rechts eckig.

 

„Hmm.“, sage ich. „Das sieht beides echt gut aus.“

 

Er lacht. Fühlt sich sicher geschmeichelt, dass seine Arbeit gut ist. Er tippt auf einzelne Passagen, erklärt mir, wie er sich was gedacht hat, bis er schließlich sagt: „Na ja müssen Sie wissen. Hat alles Vor- und Nachteile.“

 

Ja ja, da hat er schon recht. Ich blättere hin und her. Mache die Augen zu und wieder auf. Vergleiche.

 

Er weist auf mein Stirnrunzeln hin. „Nun tun Sie sich nicht so schwer. Ist ja keine Lebensentscheidung. Das wird schon gut werden, so oder so.“

 

Das wird schon gut werden. Glaube ich auch. Trotzdem ist da ja der Gedanke, dass eine Ausgabe besser sein könnte. Vielleicht mag ich das, welches eckig und matt-blau ist, aber die Leser finden rund und rosa besser. Eine der Ausgaben könnte besser rüberkommen. Besser ankommen. Und ich will ja nur das Beste. Ist ja irgendwie meine Verantwortung.

 

Keine Lebensentscheidung. Hm. Stimmt schon, da gibt es wirklich wichtigere Dinge als 20 Seiten Hochglanzpapier. Aber ähnlich ist es trotzdem. Die Konsequenzen sind anders. Mir wird sicher kein Kopf abgerissen werden, wenn jemand die Farbe kritisiert. Wenn der Inhalt nicht passt, dann schon eher.

 

Und wenn es ums Leben geht... um Entscheidungen... da gehen wir dieses Risiko ein. Da würden wir uns Wochen, Monate, Jahre später vielleicht gern den Kopf abreißen. Wir entscheiden uns meistens für A, weil wir denken, dass A glücklicher machen wird als B. Dass A deswegen besser ist. Aber woher sollen wir das schon wissen? Ich kann vorher nicht wissen, ob blau mehr und lieber gelesen wird als rosa. Ich kann vorher nicht wissen, ob A mich glücklicher macht als B.

 

Das ist das Risiko des Glücks.

 

Ich entscheide mich in Erwarten auf Glück. Aber letztendlich können Erwartungen enttäuscht werden.

 

Natürlich muss abgewägt werden, überlegt werden. Da hat Stirnrunzeln seine absolute Berechtigung. Aber manchmal müssen manche Dinge auch endlich in den Druck gehen. Formen und Konturen wollen mit Inhalt gefüllt werden. Endlich. Darauf kommt es doch an. Auf den Inhalt, den wir schreiben. Auf die Akzente, die wir setzen.

 

Vor allem die Menschen, die mitspielen und betroffen sind. Wir können sie nicht hinhalten und warten lassen, nur weil wir unentschlossen sind. Oder sie unwissend lassen. Da gehört eine große Portion Mut dazu, sich für jemanden zu entscheiden. Es kann voll nach hinten losgehen. Aber es wird gar nichts geschehen, wenn ich es nicht wage. Natürlich kann es unglücklich enden. Aber es macht keinen Sinn über die Zukunft nur im Konjunktiv II zu sprechen. Gegenwart werden lassen ist vorher dran.

 

Und sich einlassen auf Herzrasen, Hitzeflecken und Schweißperlen. Risiko spielen. Alles gewinnen.

 

Ich nehme seine Hand. Drücke sie. Er schaut mich mit festem Blick an. Leichtes Funkeln.

 

Ich sage A

Er sagt

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Kommentare: 1
  • #1

    Farina (Sonntag, 16 Dezember 2018 11:21)

    Ich habe deinen Blog eben durch Zufall entdeckt und möchte dir nur eben sagen, dass du einen unheimlich schönen Schreibstil hast.
    Ich habe einen ähnlichen Blog, wo ich meine eigenen Gedanken Befalls so ‚schleifen‘ lasse, wie du es so schön sagst und freue mich immer, wenn ich Blogger finde, die ebenfalls so tiefgründig und reflektiert schreiben.

    Mach weiter so!

    Lg Farina