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Zwischen den Zeiten

Die Feste sind vorbei, das zerrissene Papier im Ofen brennt, steckt die Hölzer an.

Der Baum nadelt.

Und erst jetzt, als der Trubel, das Essen und Besuche weniger werden, komme ich zur Ruhe. Im Hinterkopf schleicht sich kurz vor Silvester das schlechte Gewissen ein, weil einiges getan werden muss. Eigentlich wollte ich doch diese Zeit nutzen und vorarbeiten. Ich sage mir, dass das Zeit hat, nach Silvester noch eine Woche! Nach langer Zeit lese ich ein Buch mit mehr als 1000 Seiten und das in weniger als zwei Wochen. Ich ziehe Kraft aus guten Gesprächen, lieben Worten, schönen Sätzen und frischer Luft.

Das Holz knistert, ich lasse die Hand auf den Kopf des Hundes runtersinken und wiege sein langes Ohr in meiner Hand hin und her. Er schnauft und atmet aus.

Ja, recht hat er!

Es ist die ganze verbrauchte Luft eines ganzen Jahres, die ich auch hinaus schnaufe. Es ist Nordseeluft, es ist Rauch, es ist Regenluft... alles habe ich eingesogen. Die gute und die gesunde Luft. Die dreckige und schlechte. Und jetzt atme ich auf, lasse die verbrauchte Luft hinaus. Setze neu an, um die frische hineinzulassen. Weiß gar nicht, welche es sein wird. Wo ich lang laufen werde. Ich weiß nicht, ob ich ins Wasser fallen, über heißes Pflaster stolpern, an der Türklinke hängen bleiben werde.

Ich lasse Menschen zurück, die ich kennengelernt habe, aber die nicht geblieben sind. Ich blicke auf Menschen, die ich treffen werde. Voller Ungewissheit.

Es ist die Schwebe zwischen den Jahren. Eine Schwebe zwischen zwei Zeiten ohne Fakten, Daten und Genauigkeit. Welcher Wochentag ist heute?

 

Ohne Vorsätze blicke ich auf das neue Jahr aber mit Wünschen, von denen ich nicht weiß, ob sie sich in diesem Jahr erfüllen werden.

Ein Stück Holz ist durchgebrannt und fällt hinunter, es kracht kurz.

Es wäre schade, irgendwie traurig, wenn ich mir das nicht erfüllen könnte, was ich mir wünsche. Wenn das nicht auf mich zukommt, wonach ich mich sehne.

Zwischen den Jahren, zwischen zwei Abschnitten,

zwischen den Zeiten wanke ich.

Lasse zurück und sehe nach vorn.

Lache wegen vergangenem und weine.

Mache große Augen, weil ich mir wünsche, nichts zu übergehen, was auf mich zukommt.

 

Die Funken sprühen, das trockene Holz glüht lichterloh.

Die Hand, ausgestreckt, spürt die Wärme, fast könnte man sie greifen.

Zwischen Kälte und Wärme.

Frost und Rauhreif.

Sonne und Hitze.

Sand und Schnee.

 

Momente sind vergangen, Tage gelebt, Chancen verpasst. Zwischen den Festen erinnere ich mich, dass diese Momente, Tage, Chancen nie wieder so kommen werden. Nie wieder auf diese gleiche Art und Weise. Höchstens so ähnlich. Und ich schwanke, ob ich das schön oder schlecht finde. Schön, weil unberechenbarere kommen werden. Neue Orte, andere Möglichkeiten.

Schlecht, weil es so schön war, dass ich es nicht missen möchte. Vielleicht habe ich Angst davor, dass Erinnerungen verblassen.

 

Das Holz brennt nieder, wird grau, Asche bröselt hinunter.

Ich strecke die Hand aus und die Wärme wird kälter. Ich stehe auf, öffne die Tür, nehme ein neues Scheit Holz, mit ganz zerfurchter Rinde, perfekten, parallelen Rillen. Ich lege es auf das niederbrennende. Langsam greift die Glut auf das trockene Holz über, feuchte Stellen zischen. Die ersten feinen Späne entzünden sich und kriechen weiter. Als ich das nächste Mal aufsehe, hat das ganze Stück Feuer gefangen, brennt lichterloh.

Ich strecke meine Hand aus, sie wird ganz warm.

Ja, denke ich mir. Das Vergangene ist gelebt, passiert. Das Alte liegt zurück. Es brauchte Kraft und Energie, viel Zuversicht und Mut. Sicher ist das alles irgendwie verbraucht aber es greift über. Das Neue steckt sich an. Das Neue steht bereit, ganz anders in der Substanz und doch ähnlich. Aus dem alten Vergangenen wird eine neue Zukunft.

Die Zwischenzeit war ungewöhnich. Weder alt noch neu. Weder vergangen, noch zukünftig. Sie hat angehalten, reflektiert und überlegt, was da kommen mag.

An das Neue, an das Zukünftige habe ich Erwartungen.

Es soll brennen, es soll heller sein als dunkel.

Es soll knistern und zischen.

Mit warmer Glut und kalter Asche.

Weiter vorwärts Richtung Zukunft, denn eins ist sicher, zurück in die Vergangenheit gibt es keinen Weg. Und aus Asche kann man kein Scheit Holz mehr machen.

Eine neue Zeit!

Ich bin gespannt, was auf mich zukommt und plane schon mal fleißig... natürlich nur mit einer heißen Tasse Kaffee! Wie startet ihr ins neue Jahr?